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Werner Brill

Kollektiver Wahn - Eugenik und Antisemitismus: deutsche Paranoia mit Kontinuität

(in: Jürgen Elsässer / Andrei S. Markovits: "Die Fratze der eigenen Geschichte"
Von der Goldhagen-Debatte zum Jugoslawienkrieg. Mit drei Erstveröffentlichungen von Daniel J. Goldhagen
Elefantenpress Berlin 1999 208 Seiten, 29.90 DM)

Vorbemerkung

Daniel Goldhagen hat 1996 mit seiner Studie Hitlers willige Vollstrecker nicht nur in Deutschland eine heftige und kontroverse Debatte über die Ursachen des Holocaust ausgelöst. Zentraler Streitpunkt ist die These vom eliminatorischen Antisemitismus, der v on Goldhagen als das mehr oder weniger alleinige Motiv für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung anzusehen ist.

Der folgende Beitrag geht der Frage nach, welche bisher wenig beachteten Motive in Deutschland eine Politik der Vernichtung sozial geächteter Menschen bis zur Vernichtung der Juden begünstigt haben. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die ideologischen Debatten über sog. Minderwertige in der Zeit der Weimarer Republik (1918-1933) und den ihnen zugrunde liegenden biologischen und sozialrassistischen Ideologien gelegt.

'Lebensunwertes Leben'

Zu Beginn der Weimarer Republik erschien eine Broschüre mit dem Titel 'Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens', die der Frage nachging, ob sog. lebensunwertes Leben - worunter zunächst einwilligungsunfähige Patienten zu verstehen waren - von st aatlicher Seite aus 'beendet' werden dürfe. Die beiden Verfasser, der angesehene Juraprofessor Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche, waren keine Nationalsozialisten und hatten auch keine rassistischen Motive, obgleich diese Schrift bis heute immer wieder in vielen Publikationen als ein Vorreiter der NS-Vernichtungspolitik gegenüber behinderten Menschen, den sog. Euthanasie-Morden, angeführt wird. Ihnen ging es um die schwierige Frage nach der Legitimität von lebensverkürzenden Maßnahmen, um die betr offenen Menschen 'vom Leid zu erlösen'. Erstmals aber werden in dieser Schrift nicht nur menschenverachtende Vokabeln gegenüber unproduktiven Menschen benutzt ('Viertelsmenschen', 'Ballastexistenzen', 'leere Menschenhülsen' etc.), erstmals taucht von renom mierter Seite die Idee auf, menschliche Individuen nach utilitaristischen Gesichtspunkten zu beurteilen (vgl. Binding/Hoche 1920).

Eine andere Idee, die keinesfalls mit den späteren NS-Rassenlehren gleichzusetzen ist, erlebte nach dem Ersten Weltkrieg zunächst in akademischen Kreisen, später aber auch in der Öffentlichkeit eine wachsende Bedeutung: die sog. Rassenhygiene. Sie war u.a. ein Produkt der Erfolge der Naturwissenschaften im ausgehenden 19. Jahrhundert und versprach, mittels exakter Wissenschaft gesellschaftliche Prozesse, wie demographische Entwicklung und Reproduktionstätigkeit, positiv zu beeinflussen.

Diese Rassenhygiene, die sich erst Mitte der 20er Jahre Eugenik nannte - unter anderem weil dies der Name im internationalen Vergleich war -, ging von mehreren, scheinbar objektiven Befunden aus, was die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland (und in anderen zivilisierten Ländern) anbelangte.

Das rassenhygienische/eugenische Paradigma

Den Arbeiten der Eugeniker lassen sich durchgängige Annahmen über gesellschaftliche Entwicklungsprozesse entnehmen, die das gesamte Welt- und Menschenbild bestimmen. Diese sind nur aus dem zeitgenössischen Kontext und den individuell-gesellschaftlichen Soz ialisationsprozessen der einzelnen AutorInnen zu verstehen.

Die Eugenik folgte grundlegenden Axiomen des Sozialdarwinismus, wonach das Gesellschaftsgeschehen Naturgesetzen und Entwicklungsprinzipien unterworfen sei; ferner erhielt die Rassenhygiene Impulse aus der Dichotomie von Degenerationsphobien und Züchtungsut opien. Sie entwickelte auf der "Grundlage einer bioorganismischen Metaphorik einen dezidierten Antiindividualismus, der den Wert des Menschenlebens gegenüber der als höhere Seinsstufe verstandenen Gesellschaft relativierte"(Schmuhl 1987, S. 49). Das Standa rdmodell der Rassenhygiene beruhte auf mehreren Basissätzen bzw. Annahmen.

· Die festgestellte Degeneration (Entartung) in hochstehenden Kulturen sei durch zwei Faktoren wesentlich bestimmt. Zum einen werde mit zunehmender kultureller Entwicklung das natürliche Selektionsprinzip außer Kraft gesetzt, d.h. konkret wirkten Medizin, Wohlfahrtspflege und Krieg 'kontraselektorisch'. So schrieb z.B. der Mediziner Otto Kankeleit: "Abgesehen von der antiselektorischen Wirkung der Zivilisation durch Begünstigung der Existenz der im Naturzustande zugrunde gehenden Elemente, ist die Zivilisat ion schon an sich lebensfeindlich und damit zugleich entartend, indem sie auf einer Hemmung der Triebkräfte des Lebens beruht und dadurch eine Spaltung und Zerrissenheit in dem Gefüge des organischen Geschehens hervorruft: diese Spaltung und Feindschaft zw ischen Geist und Leben dürfte eine der wesentlichsten Bedingungen der nervösen Entartung des Menschen sein, welche auch die ständige Zunahme von Geisteskrankheiten und Verbrechen zur Folge hat"(Kankeleit 1929, S. 10).

· Zum anderen bewirke die sog. 'differentielle Fortpflanzung' eine negativ zu bewertende Veränderung der 'natürlichen' Bevölkerungsstruktur. Unter sog. 'differentieller Fortpflanzung' verstand z.B. Wilhelm Schallmayer - quasi der Urvater der Eugeniker in D eutschland -, "daß die sozial erfolgreichere Bevölkerungshälfte in geringerem Maße zur Erzeugung der nächsten Generation beiträgt als die andere Hälfte, und die begabtesten Personen der oberen Schichten wiederum weniger als die oberen Schichten im allgemei nen"(Schallmayer 1907, zit.n. Reyer 1991, S. 18). Die Rassenhygiene bot sich somit als Wissenschaft an, auf naturwissenschaftlicher Grundlegung dieser Entwicklung durch Eingriffe in die Vererbungs- und Fortpflanzungsprozesse entgegenzuarbeiten.

· Dem Rassismus von Rassenanthropologen gegen fremde Rassen nach außen entsprach ein Sozialrassismus nach innen, d.h. gegen bestimmte, nicht ethnisch abgrenzbare Bevölkerungsgruppen ('Minderwertige').

· Im Rahmen der in der Rassenhygiene angelegten "organizistischen Gesellschafts- und Staatsauffasungen" ergab sich als Konsequenz die "biologistische Entrechtung des Individuums zugunsten sogenannter 'übergeordneter' und 'überdauernder' Organisationseinhei ten wie Familie, Staat und Gesellschaft"(Reyer 1991, S. 36f.).

"991 Neger und 9 Weiße"

Im Jahr 1927 publiziert der katholische Moraltheologe Dr. Joseph Mayer, Hauptschriftleiter der Zeitschrift Caritas - Zeitschrift für Caritaswissenschaft und Caritasarbeit, ein umfassendes Buch mit dem Titel Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker. Da dieses Werk eine sog. Imprimatur hat, also die offizielle kirchenrechtliche Druckerlaubnis, stellt es eine kirchenamtliche Publikation dar und somit keineswegs nur eine Privatmeinung. Mayer benutzt den üblichen Degenerationstopos, den er mit arithmetische n Berechnungen wie folgt untermauert. "Die Minderwertigen vermehren sich quantitativ viel schneller als die Tüchtigen. Wenn man die Vermehrungsziffern der Tauglichen wie der Untauglichen kennen würde, so könnte man das Jahrhundert errechnen, wo der letzte Tüchtige durch die Masse der Anormalen im Kampfe ums Dasein erliegen müßte, vorausgesetzt daß die Entwicklung ohne Eingriffe so weitergeht. Man hat ausgerechnet: falls am Ende des völkermordenden Dreißigjährigen Krieges genau soviel Neger nach Deutschland verpflanzt worden wären, als Weiße da waren, und die beiden Rassen hätten sich in Deutschland mit ihresgleichen verheiratet, also die weißen Männer mit weißen Frauen, die schwarzen Männer mit schwarzen Frauen, so aber, daß die Neger günstigere Ehebedingung en gehabt hätten als die Deutschen: angenommen etwa, die Neger hätten mit 25 Lebensjahren geheiratet und hätten je 4 Kinder hinterlassen, die Weißen aber hätten erst mit 33 Lebensjahren heiraten können und hätten je 3 Kinder hinterlassen, dann würden jetzt nach dreihundert Jahren unter 1.000 Bewohnern des deutschen Bodens nur noch 9 Weiße sein, alle 991 anderen wären Neger. Man denke sich an die Stelle der Neger Anormale, und man kann das Jahrhundert berechnen, wo die letzten Tüchtigen vom Meere der Anormal en verschlungen werden. Das quantitative Anwachsen der Minderwertigen ist also eine Gefahr." Im folgenden bedient er sich der üblichen Bilder aus dem Bereich der Pflanzenzucht, in denen das menschliche Individuum zum 'Saatgut' entwürdigt wird. "Fast noch t ragischer ist der Gedanke an die qualitative erbliche Entartung der zivilisierten Völker. Würde ein Bauer jährlich sein bestes Getreide in die Mühle, also nicht oder nur zum geringen Teil zur Aussaat bringen, dagegen das minderwertige Getreide als Saatkorn verwenden, so würde man nicht nur erleben, daß mitten unter dem ringsum wuchernden schlechten Korn immer weniger gutes Getreide der Zahl nach zu finden wäre, sondern daß auch die Qualität der minderwertigen Saat von Jahr zu Jahr noch schlechter würde, bis sie schließlich ihrer ganzen Substanz nach entartet wäre"(Mayer 1927, S. 9f.). Als Ausweg aus der vermeintlichen Gefahr empfiehlt Mayer die massenhafte Anwendung der Sterilisation, die nicht nur zum damaligen Zeitpunkt strafbar war, sondern auch in theolo gischen Kreisen als Sünde gegen Gottes Schöpfungsidee angesehen wurde. Die Bandbreite der Befürworter des Sterilisationsgedankens reichte von Sozialdemokraten wie Alfred Grotjahn (SPD) über Konservative und Deutschnationale bis zu Adolf Hitler, der bereits in seinem 'Mein Kampf' dies als humane Tat gepriesen hatte. "Die Forderung, daß defekten Menschen die Zeugung anderer ebenso defekter Menschen unmöglich gemacht wird, ist eine Forderung klarster Vernunft und bedeutet in ihrer planmäßigen Durchführung die humanste Tat der Menschheit. Sie wird Millionen von Unglücklichen unverdiente Leiden ersparen, in der Folge aber zu einer steigenden Gesundung führen"(Hitler 1934, S. 297f.).

'Minderwertigkeit' als Bedrohung

Es ging in der von der Eugenik initiierten Debatte unter anderem um die Frage, inwieweit Menschen mit Behinderungen oder andere sozial ausgegrenzte Personen den Staat finanziell belasten würden. Zu dieser Frage meldeten sich in den jeweiligen Fachzeitschri ften in den zwanziger Jahren zahlreiche Experten aus den Bereichen Fürsorge, (Sonder)Pädagogik, Behindertenhilfe, Psychiatrie etc. zu Wort. Professsionelle Vertreter im Bereich der Sozialfürsorge formulierten ihre Ängste von einer zunehmenden Degeneration der deutschen Gesellschaft und beschwörten ihre eigene Berufstätigkeit als gesellschaftlich nützlich, weil sie ökonomisch verwertbare Arbeit produzierten. So hält z. B. der Gründer des bayerischen Hilfsschullehrerverbandes, Rupert Egenberger, 1919 auf der Versammlung seiner Fachkollegen einen Vortrag über die soziale und pädagogische Bedeutung der Hilfsschule. Seine Argumentation sei hier - beispielhaft für viele andere - kurz skizziert.

Das deutsche Volk sei durch die allgemeine Degeneration bedroht, der Hilfsschullehrer kommt als Retter in höchster Not: "Hunger, Krieg und Revolution verdarb auch die Moral. Diese Tatsache und die geschwächte Gesundheit der Eltern verursacht einen minderwe rtigen Nachwuchs. Das geht durchs ganze Volk. Es ist ein furchtbarer Gedanke, ein ganzes Volk in der Gefahr allgemeiner Schwächung zu sehen. Ein ganzes Volk kann sich zu einem niedrigen Menschentypus zurückbilden. Das darf nicht kommen. Der deutsche Heilpä dagoge erkennt die Gefahr. Führen wir unsere Arbeit mit aller Kraft und allen Mitteln durch für unser armes Volk"(Egenberger 1919, S. 149). Orientiert an gesellschaftlichen Nützlichkeitserwägungen beklagt Egenberger Arbeitslosigkeit und Verelendung. "Je me hr Arbeits- und Erwerbslose und -unfähige in einem Lande, desto mehr Waren verschwinden aus dem Umlauf, ohne daß irgendein Ersatz dafür geschaffen wird. Das ist eine Schädigung, und vom egoistisch-materiellen Standpunkte aus stellt sich der Arbeitsunfähige als Parasit dar, und nur humaner Fürsorge verdankt er es, daß er nicht dem Verhungern und Verkommen ausgesetzt ist"(S. 137).

Egenberger stellt Rechnungen an, wie jede Befähigung der 'Unterwertigen' zur produktiven Arbeit Versorgungskosten (für Staat, Gemeinde und Eltern) reduziert, wodurch die Hilfsschule eine ökonomisch basierte Legitimation erhält. "Von hier aus können wir rec ht deutlich die wirtschaftliche Bedeutung der Hilfsschule ermessen. Jede Milderung der Minderwertigkeit, jede Beseitigung von Sprachstörungen, jede Hebung des Selbstvertrauens, jede Stärkung und Befestigung der moralischen Zuverlässigkeit bedeutet einen wi rtschaftlichen Gewinn"(S. 143). Er stellt die Aufgaben von Erziehung und Bildung ganz in den Dienst von 'Zukunftsplänen eines Volkes' und bedient sich dabei einer Organismus-Metapher, die in der zeitgenössischen Argumentation immer wieder variiert auftauch t. "Heilen heißt gebrauchsfähig machen. [...] Heilpädagogik ist Sozialpädagogik. Ist an einer Körperstelle ein Geschwür, so ist unser Gesamtwohlbefinden beeinträchtigt. Unterwertigkeit von Volksgenossen ist ein Geschwür am Volkskörper. Die Heilpädagogik wi ll die kranken Teile des Volkskörpers in bessere Verfassung bringen. Die Notwendigkeit der Heilpädagogik ergibt sich aus der Zahl der geschädigten Volksgenossen"(S. 148).

Wir finden hier also die wesentlichen Grundelemente, die weltanschaulicher Konsens im Bildungsbürgertum und gleichzeitig auch Teile des rassenhygienischen Paradigmas waren: Das deutsche Volk, das als organische Einheit wahrgenommen wird, befindet sich im W ettkampf mit anderen Völkern, es ist vom Untergang bedroht; innenpolitische Ursache ersten Ranges dafür sind die 'Minderwertigen' bzw. die differentielle Fortpflanzung. Als Gegenmaßnahme ist zentral die Möglichkeit der Steigerung des Bruttosozialprodukts i ns Auge zu fassen. Dazu kann die Pädagogik und auch die Heilpädagogik bzw. Hilfsschulpädagogik einen entscheidenden Beitrag leisten. Und - da stellt Egenberger eine Ausnahme dar und belegt gleichzeitig die Unabhängigkeit der Gültigkeit des rassenhygienisch en Paradigmas von weltanschaulicher Ausrichtung - die gesamte Argumentation geht von sozialistischen Annahmen aus.

'Schädlinge mit Menschenantlitz'

In der Weimarer Republik wurde heftig über die Tötungsvorschläge von Binding/Hoche (1920) diskutiert, und zwar in den verschiedenen Fachdisziplinen sehr unterschiedlich. Während Juristen und Mediziner großes Verständnis und oftmals Zustimmung äußerten, wan dten sich die professionellen Helfer aus den Bereichen der Fürsorge, Pädagogik, Sozialarbeit etc. strikt dagegen. Sie brachten eine Reihe von Argumenten vor, wobei allerdings auffällt, daß der humanitär begründete Schutz ihrer Klientel eher die Ausnahme wa r. Exemplarisch sei die Reaktion von Konrad Biesalksi, Leiter eines Behindertenheimes und renommierter Experte auf seinem Fachgebiet, auf eine extrem sozialrassistische Schrift dargestellt. Unter dem programmatischen Titel 'Wider die Minderwertigkeit. Die Vorbedingung für Deutschlands Gesundung' veröffentlicht der Göttinger Generalarzt F. Buttersack eine der extremsten Schriften gegen behinderte und sozial marginalisierte Menschen. Buttersack macht sein Weltbild gleich zu Beginn deutlich: "Bei den körperlic hen und geistigen Krüppeln, welche besser nie geboren wären, fängt es an; in den Hilfsschulen, Fürsorgeanstalten u. dgl. geht es weiter und führt schließlich zu dem qualvollen Kampf um Atmung und Herzschlag, dessen Abschluß dann jeder als eine Erlösung bet rachtet. Die Zivilisation feiert Triumphe, wenn es ihr gelingt, möglichst viele Minderwertige, selbst Idioten und jede Mißgeburt unter Aufwendung allen Wissens und aller Mühe zu erhalten und ein Versehen der Natur, das diese selbst wieder auslöschen würde, zu betreuen und ungestört sich vermehren zu lassen"(Buttersack 1926, S. 5). Unter Berufung auf den sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten und Sozialhygieniker Alfred Grotjahn fordert er die 'Ausjätung der körperlich und geistig Minderwertigen', zu de nen er - in zeitgenössischer Diktion - folgende Personengruppen rechnet: Schwindsüchtige, Trinker, Geisteskranke, Krüppel, Fürsorgezöglinge, Hilfsschüler, konstitutionelle Verbrecher, Idioten, Blinde, Arbeitslose, Fürsorgeempfänger, lebensunfähige Elemente .

Behinderte Menschen werden als einer kulturellen Entwicklung entgegenstehend u.a. so beschrieben: "Denn während alle Kultur auf Höherzüchtung des Menschen hinzielt, verbreiten die körperlich und geistig Minderwertigen das Untermenschliche und das Widermens chliche..."(S. 26). Buttersack bemüht in seiner Schrift eine Vielzahl von Bildern aus dem Tier- und Naturbereich, von denen an dieser Stelle lediglich eines genannt sei. "Zwar rüsten wir Forschungsreisen aus gegen Pest, Typhus, Cholera, Schlafkrankheit usw ., und eine wachsende Zahl von forst- und landwirtschaftlichen entomologischen Anstalten bekämpft Reblaus, Nonne, Forleeule, Kartoffelkrankheit, Borkenkäfer, Kiefernspanner usw. Aber vor den Schädlingen, welche Menschenantlitz tragen, machen wir halt"(S. 5 3).

Wie reagiert nun eine der führenden Persönlichkeiten der Körperbehindertenpädagogik (damals: Krüppelfürsorge) auf diese Schmähschrift? Nach einer knappen Zusammenfassung heißt es von Konrad Biesalski, eigentlich sei dem nichts mehr hinzuzufügen, wenn Butte rsack "...in die große Masse der Minderwertigen: Schwindsüchtige, Idioten, Geistesschwache, Alkoholiker, Epileptiker, Taubstumme, Blinde usw. nicht auch die Krüppel einfach mit hineinwürfe, als wären diese den übrigen Kategorien gleichzustellen, also auch Minderwertige in dem Sinne, daß sie ausgemerzt werden müßten"(Biesalski 1927, S. 45f.). Nach der akribisch nachgewiesenen ökonomischen Nützlichkeit seiner Klientel bittet Biesalski, der die "an sich dankenswerte und notwendige Aufgabe" begrüßt, "...die Min derwertigkeit aus unserem Volke zu tilgen", bittet darum, daß das Krüppeltum aus dieser Diskussion herausgehalten werden solle, da es zumeist mit körperlicher und geistiger Gesundheit verbunden sei und unter den 'bedeutendsten Geistern der Menschheit' viel e Krüppel gewesen seien. Im übrigen seien die 'unsozialen' Krüppel in Anstalten untergebracht und damit von der Fortpflanzung ausgeschlossen.

Mit seltener Deutlichkeit wird hier von einem der führenden Köpfe der damaligen Orthopädie und Behindertenorganisationen die eigene Klientel nur insofern von der Ausmerzeforderung (Buttersack plädierte für die Sterilisation, nicht für die Tötung) in Schutz genommen, als sie sich als erwerbsfähig und damit gesellschaftlich nicht 'schädlich' und nicht erbgeschädigt erweist. Gleichzeitig spielt die standespolitische Komponente ebenso eine wesentliche Rolle wie die Sorge, sich von anderen Behinderungsarten fein säuberlich zu distanzieren. Das Verhältnis zur eigenen Klientel erhält somit den Anstrich einer klaren Hierarchisierung, und durch die Akzeptanz der wesentlichen Aussagen des rassenhygienischen Paradigmas wird der Verdacht auf einen bestehenden geheimen " Euthanasie"-Wunsch nahegelegt.

"Schmarotzer und Ungeziefer" - Sprache als Indikator

Die Literatur der 20er Jahre zum Thema 'Minderwertige' und Eugenik enthält eine riesige Zahl von Metaphern und Bildern, die die Bedrohung durch die 'Minderwertigen' verdeutlichen sollen. Es muß einer anderen Studie vorbehalten bleiben, diese sprachlich und psychologisch zu analysieren. Um allerdings einen Einblick zu geben, seien hier einige Beispiele aufgelistet (vgl. Brill 1994, S. 233-238). Die benutzten Bilder lassen sich grob gliedern in solche, die sich des Vergleiches vom Gärtner bedienen, der Unkrau t zu jäten hat, in andere, die von hereinbrechenden bedrohlichen Fluten sprechen, und in diejenigen, die 'Minderwertige' als Schmarotzer, Krankheitserreger und Schädlinge betrachten.

'Unkraut', ,Schmarotzer' und ähnliche Bezeichnungen finden sich in der zeitgenössischen Fachliteratur immer wieder zur Beschreibung der 'Minderwertigen'. Aber auch Metaphern aus dem Tierreich werden bemüht. So schreibt der Arzt und Sterilisationspropagandi st Gustav Boeters: "Und der gute Hirte darf den Kampf mit den Wölfen nicht scheuen. Die Liebe, die er nicht nur seinen Schafen, sondern allen Geschöpfen Gottes entgegenbringt, läßt ihn vielleicht vor dem Gedanken zurückschrecken, alle Wölfe ausrotten zu wo llen; - aber der Pflicht, ihr Überhandnehmen zu verhindern, darf er sich nimmermehr entziehen. [...] Die Wölfe in diesem Gleichnis sind die mit vererbtem geistigen oder moralischen Schwachsinn behafteten Menschen, die das Böse vom Guten nicht unterscheiden können oder nicht unterscheiden wollen. Und zwischen diesen beiden Arten von Menschen bestehen viele Übergänge. Allen gemeinsam sind hemmungslose Triebe besonders auf geschlechtlichem Gebiet. Erziehungsversuche aller Art schlagen fehl; ja sogar die Liebe, die man ihnen hat angedeihen lassen, vergelten sie mit Undank, wie die Schlange, die jener Landmann an seinem Busen wärmte"(Boeters 1925, S. 6).

Behinderte seien 'Auswürflinge' bzw. 'schwärende Wunden am Körper unsres Volkes', so Ewald Meltzer, Arzt und Leiter einer Behindertenanstalt, der katholische Theologe Josef Mayer spricht von den 'Minderwertigen', die sich vermehren, als Brandstifter, der e ntschiedene Euthanasie-Gegner Pfarrer Martin Ulbrich, ebenfalls Anstaltsleiter, will den Sumpf trockenlegen, wodurch sich die Frage nach der 'Ausrottung des Anormalenelends' von selbst gelöst habe.

Die negative Auslese, d.h. die Tatsache, daß 'Minderwertige' angeblich wiederum mit 'Minderwertigen' Kinder zeugten, beschreibt Fritz Lenz, führender Rassenhygieniker mit Lehrstuhl in München, wie folgt: "Im Bodensatz der Bevölkerung finden sich allerlei E lemente zusammen, die sich im Berufsleben nicht halten können. Da sie keine Gelegenheit zur Ehe mit vollwertigen Personen haben, verbinden sich die Minderwertigen untereinander; und so entstehen durch Zusammenfließen schließlich große Ströme minderwertigen Blutes"(Lenz 1927, S. 19). Hier deutet sich bereits deutlich an, was später an rassistischer Propaganda im Bereich des Antisemitismus zur Alltagssprache wird, nämlich die Ideologie vom minderwertigem Blut. > ------------------------------------------------------------------------

Transfer interrupted! und Antisemitismus: Sterilisation als Waffe

Die jahrelangen Diskussionen über praktische Folgen der rassenhygienischen/eugenischen Erkenntnissen drehten sich meist um das Für und Wider zum Thema Sterilisation, sie waren von einem latent gewalttätigen sozialrassistischem und sozialdarwinistischen Wel tbild geprägt, es finden sich auffälligerweise aber keine antisemitischen Muster.

Eines der ersten Gesetze, das die Nationalsozialisten im Juli 1933 erließen, war das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GzVeN), das in der Weimarer Republik vorbereitet worden war. Den sich anschließenden Zwangssterilisationen fielen ca. 400.000 Menschen zum Opfer, bei den Operationen kamen ca. 5.000 Personen ums Leben, davon waren 90% Frauen.

Die Idee der Sterilisation von Teilen der Bevölkerung - quasi als Bindeglied von sozialem Rassismus und Antisemitismus - sollte auch in die antisemitische Praxis Eingang finden. Des weiteren besteht ein bisher wenig beachteter ideologischer, personeller un d technischer Zusammenhang zwischen den Euthanasie-Morden an behinderten Menschen (ab 1939) und der fabrikmäßig betriebenen Ermordung der europäischen Juden.

Als eine Art Schnittstelle von eugenischer und antisemitischer Auslese-Ideologie kann der deutsch-nationale Eugeniker Fritz Lenz angesehen werden, wenn er sich im rassenhygienischen Standardwerk (Baur/Fischer/Lenz; erste Auflage: 1921 !), das keinesfalls e in antisemitisches Machwerk war, der Sprache der Parasitologie bedient: "Wenn die Eigenart der Juden körperlichnicht so stark als seelisch in Erscheinung tritt, so dürfte dies darauf zurückzuführen sein, daß sehr fremdartig aussehende Judenweniger Erfolg hatten als solche, die dem Typus ihres Wirtsvolkes mehr ähneln"(Baur/Fischer/Lenz, Bd. 1, S. 748). Lenz bescheinigt 1931 der NSDAP, die einzige Partei zu sein, die eugensiches Gedankengut vertrete (Hitler hatte angeblich während seiner Haftzeit den Baur/F ischer/Lenz gelesen), begrüßt nach 1933 die Umsetzung seiner rassenhygienischen Forderungen in politische Praxis (Sterilisationsgesetz) und bejubelt den NS-Staat wegen seiner wissenschaftlich fundierten Bevölkerungs- und Eugenikpolitik.

Im Juni 1942, die systematische Judenermordung ist in vollem Gange, wendet sich Viktor Brack, SS-Oberführer und Verantwortlicher für die Euthanasie-Aktionen in der Kanzlei des Führers, an Heinrich Himmler und unterbreitet ihm Überlegungen, wie mit einem Te il der europäischen Juden umzugehen sei. Er sei der Meinung, daß "bei den etwa 10 Millionen europäischer Juden nach meinem Gefühl mindestens noch zwei bis drei Millionen sehr gut arbeitsfähiger Männer und Frauen" sind. "Ich stehe in Anbetracht der außerord entlichen Schwierigkeiten, die uns die Arbeiterfrage bereitet, auf dem Standpunkt, diese 2-3 Millionen auf jeden Fall herauszuziehen und zu erhalten. Allerdings geht das nur, wenn man sie gleichzeitig fortpflanzungsunfähig macht. Ich habe Ihnen vor ca. 1 J ahr bereits berichtet, daß Beauftragte von mir die notwendigen Versuche für diesen Zweck abschließend bearbeitet haben. Ich möchte diese Tatsachen nochmals in Erinnerung bringen. Eine Sterilisation, wie sie normalerweise bei Erbkranken durchgeführt wird, k ommt in diesem Fall nicht in Frage, da sie zeitraubend und kostspielig ist. Eine Röntgenkastration jedoch ist nicht nur relativ billig, sondern läßt sich bei vielen Tausenden in kürzester Zeit durchführen"(Klee 1985, S. 274).

Auf der Wannseekonferenz war die Idee, sog. deutsch-jüdische Mischlinge zu sterilisieren, an der Zahl des Krankenhausopersonals gescheitert, im Oktober 1942 erklärte Eichmann seinen Judenreferenten, es gäbe demnächst vereinfachte Möglichkeiten der Sterilis ation. Carl Clauberg, Prof. für Gynäkologie, und T4-Mörder Horst Schumann hatten in Auschwitz Experimente mit Massensterilisationen gemacht, um 'fortpflanzungsunwürdige oder fortpflanzungsunerwünschte' Menschen zu sterilisieren; Opfer waren in Auschwitz un d im KZ Ravensbrück Jüdinnen und Zigeunerinnen. Der Arzt Adolf Pokorny hatte im Oktober 1941 Himmler als obersten Ostraumplaner die medikamentöse Unfruchtbarmachung von sowjetischen Gefangenen vorgeschlagen. "Wenn es gelänge, auf Grund dieser Forschungen s obald als möglich ein Medikament herzustellen, das nach relativ kurzer Zeit eine unbemerkte Sterilisation bei Menschen erzeugt, so stände uns eine neue wirkungsvolle Waffe zur Verfügung. Allein der Gedanke, daß die 3 Millionen momentan in deutscher Gefange nschaft befindlichen Bolschewisten sterilisiert werden könnten, so daß sie als Arbeiter zur Verfügung stünden, aber von der Fortpflanzung ausgeschlossen wären, eröffnet weitgehendste Perspektiven"(Aly/Heim 1993, S. 419). Im Juli 1943 berichtete Clauberg an Himmler als Antwort auf dessen ein Jahr zuvor gestellte Frage nach der Massensterilisation, es könnten "von einem entsprechend eingeübten Arzt an einer entsprechend eingerichteten Stelle mit vielleicht 10 Mann Hilfspersonal [...] höchstwahrscheinlich mehr ere hundert - wenn nicht gar tausend - an einem Tage" sterilisiert werden(a.a.O., S. 420).

Auch für den Zusammenhang von physischer Vernichtung, Ausbeutung von menschlichem Arbeitsmaterial und rassistischem Biologismus stellte die Sterilisation als 'optimales Mittel' ein Bindeglied dar. Himmlers persönlicher Referent, Rudolf Brandt, sagte diesbe züglich im Nürnberger Prozeß: "Himmler war im höchstem Grade an einer Ausarbeitung einer billigen und schnellen Methode der Sterilisierung interessiert, die man gegenüber den Feinden des Deutschen Reiches wie Russen, Polen und Juden anwenden konnte. Man kn üpfte daran die Hoffnung, den Feind auf diese Weise nicht nur zu bezwingen, sondern auch zu vernichten. Die Arbeitskraft der sterilisierten Person könnte von Deutschland genutzt werden, wobei aber ihre Fortpflanzungsfähigkeit zerstört wäre. Massensterilisa tion waren ein Bestandteil der Rassentheorie Himmlers. Deshalb wurden auch Sterilisationsexperimenten besonders viel Zeit und Aufwand gewidmet"(a.a.O., S. 421).

Der Generalplan Ost: rassistische Neuordnung Europas mit eugenischer Hilfestellung

In seiner Tragweite und in seiner Radikalität stellt der Generalplan Ost ein historisch einmaliges Phänomen dar. In ihm werden die Vorstellungen der Nationalsozialisten für eine neue Politik gegenüber den östlichen Nachbarn als 'Kulminationspunkt aggressiv er deutscher Bestrebungen' deutlich. Ferner verbinden sich hier aggressive Expansionspläne mit rassistischem Antislawismus und bürokratisch entwickelten Bevölkerungsszenarien. "Um nicht weniger als tausend Kilometer sollte die ethnische Grenze des Reiches, die sogenannte Volkstumsgrenze, durch germanische Neusiedlung nach Osten verschoben werden; noch weiter östlich, erst am Ural, sollte eine zweite Grenze, die sogenannte Wehrgrenze, verlaufen"(Madajczyk 1994, S. V). Bei den Überlegungen, die mit dem Begrif f 'Generalplan Ost' verbunden sind, handelt es sich nicht um einen einheitlichen Plan, sondern um verschiedene Szenarien, die sich mit der 'Germanisierung des Bodens' in Mittel-Ost-Europa und mit Bevölkerungsverlagerungen befaßten.

So arbeitete das Heydrich unterstellte Reichssicherheitshauptamt (RSHA), das sich u.a. der "Festigung des Deutschtums" widmete, an einem allgemeinen Plan für die Ostgebiete und sah die Aussiedlung von 31 Millionen Menschen aus diesen Gebieten vor. Dieser P lan wurde von Dr. Erhard Wetzel, Referent für Rassenfragen im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, im April 1942 heftig kritisiert, er kam zu ganz anderen Zahlen (statt 45 waren es 60-65 Mio. Menschen in den Gebieten); prinzipiell aber bestand d urchaus Konsens über die Kolonisierung. Nach Berechnung des RSHA befanden sich unter den 45 Mio. Menschen dieser Gebiete ca. 5-6 Mio. Juden; von der Bevölkerung galten 31 Millionen als "rassisch unerwünscht", die nach Westsibirien ausgesiedelt werden sollt en.

Diese gewaltige geplante Ausdehnung des Deutschen Reiches sollte dabei stets als eine Kombination von Ansiedlung von Deutschen, Vertreibung der Einheimischen ("Fremdvölkischen") und Eindeutschung eines kleines Teils der ansässigen Bevölkerung praktiziert w erden; zentraler Punkt war die dabei die völlige Veränderung der vorhandenen Bevölkerungsstruktur nach rassistischen Kriterien.

Die Planungsabteilung des ,Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums' (RKF) unter der Leitung von Konrad Meyer (Professor für Ackerbau und Landpolitik) wurde von Himmler am 20. Juni 1941 beauftragt, einen Generalplan Ost zu entwerfen, in dem d ie gesamte Neustrukturierung darzustellen sei. "Mord, Vertreibung, Zwangseindeutschung, Arbeitssklaverei und soziale Umschichtung, die Vernichtung ganzer Großstädte und Industriezentren waren in den Vorstellungen der Bevölkerungsexperten ebenso selbstverst ändlich wie moderne Propaganda für Geburtenkontrolle"(Aly/Heim 1993, S. 397f).

Dr. Erhard Wetzel betonte in seinem Positionspapier zum Generalplan Ost vom April 1942 die Notwendigkeit einer aktiven Bevölkerungs- und Geburtenpolitik mit dem Ziel, die Reproduktionsrate der russischen Bevölkerung drastisch zu verringern ('Schwächung des russischen Volkskörpers'). In seinen Überlegungen 'Zur Frage der zukünftigen Behandlung der Russen' empfahl er u.a. die Legalisierung der Abtreibung und eine groß angelegte Propaganda für Verhütungsmittel. Die völlige 'Ausrottung des russischen Volkes', w ie es Prof. Wolfgang Abel, Assistent des Eugenikers Prof. Eugen Fischer, als eine Variante vorgeschlagen hatte, kam für ihn aus Gründen der Praktikabilität - aber auch aus politischen und wirtschaftlichen - nicht in Betracht.

Die Ideen Wetzels deckten sich mit Überlegungen zur massenhaften Sterilisation von großen Bevölkerungsgruppen. In KZs hatte der Mediziner Carl Clauberg damit begonnen, an Sinti- und Roma-Frauen grausame Sterilisationsexperimente durchzuführen. Es wurde dar über diskutiert, sowjetische Kriegsgefangene, an denen der bereits erwähnte Rassenhygieniker Dr. Abel anthropologisch begründete Schädelmessungen durchgeführt hatte, mittels Medikamente zu sterilisieren, um sie dann als Arbeitssklaven auszubeuten. Nach Aus sagen des Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, sah Heinrich Himmler in der Massensterilisation eine Methode zur Liquidierung und biologischen Vernichtung des polnischen und tschechischen Volkes.

Diskussionsbeiträge und Verbesserungsvorschläge zu diesen Gedankengängen kamen von verschiedenen Seiten, an den Sitzungen nahmen Experten aus unterschiedlichen Institutionen teil: das Reichssicherheitshauptamt (Obersturmbannführer Heinz Gummitsch, Architek t Theodor Girgensohn), Stabshauptamt des RKF (Hauptsturmführer H.H. Schubert), Rasse- und Siedlungshauptamt der SS (Prof. Bruno K. Schultz), Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem (Direktor Prof. Eugen Fischer als Fachmann für 'Gefahrenabwehr' bei 'Rassenmischung') etc. Des weiteren war vorgesehen, daß die Wehrmacht als ausführendes Instrument an diesen Plänen zu beteiligen sei.

Auch hier finden wir also die aktive Zuarbeit der eugenischen Wissenschaft für die rassistische Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus.

'Euthanasie'-Morde und Holocaust

Zwischen den Euthanasie-Morden und dem Holocaust bestehen in mehrfacher Hinsicht Affinitäten. Die Rückdatierung von Hitlers 'Euthanasie'-Befehl auf den 1. September 1939 sollte den ideologischen und konkreten Zusammenhang von Krieg und 'Euthanasie'-Morden verdeutlichen (Krieg nach innen, Krieg nach außen). Ferner war der Zweite Weltkrieg mit den deutschen Eroberungen anderer Länder die organisatorische Bedingung und Klammer zum Holocaust. Und schließlich wurden die Erkenntnisse und Erfahrungen während der ' Euthanasie'-Morde direkt für die Vergasungspraxis in den Vernichtungslagern genutzt.

Nach der Besetzung Polens im September 1939 übernahmen die Deutschen die Leitung der dortigen Heilanstalten; arbeitsunfähige Kranke von acht Anstalten wurden der Gesundheitsbehörde gemeldet und dann von dem SS-Sonderkommando Lange in einem Gaswagen mittels CO-Gas getötet. Auf ähnliche Weise wurden im Herbst 1939 in einer provisorischen Gaskammer im Fort VII in Posen Geisteskranke ums Leben gebracht (vgl. Dreßen 1995, S. 78).

Des weiteren gab es direkte personelle Verbindung zwischen den beiden Mordprogrammen. Der bereits erwähnte Wirtschaftsingenieur Viktor Brack, seit 1936 Chef des Hauptamtes II der Kanzlei des Führers, war mit der 'Euthanasie'-Mordaktion T 4 befaßt und maßge blich am Aufbau der Vernichtungslager Treblinka, Belzec und Sobibor beteiligt. Dr. Horst Schumann, ab 1940 in der 'Euthanasie'-Tötungsanstalt Grafeneck, danach Leitung der Anstalt Sonnenstein bei Pirna, führte später in Auschwitz an Häftlingen Sterilisatio nsexperimente durch. Christian Wirth, Kriminalbeamter, war zunächst sog. 'Standesbeamter' in Grafeneck, u.a. Büroleiter in Brandenburg, Hadamar und Hartheim, später Kommandant in Belzec und anschließend Inspekteur der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Dr. Imfried Eberl war Leiter der Vergasungsanstalten Brandenburg und Bernburg, danach Kommandant in Treblinka, anschließend wieder in Bernburg, Dr. Rudolf Lonauer, Direktor der Vergasungsanstalt Hartheim und T 4-Gutachter, selektierte auch in KZ s ebenso wie sein Kollege Dr. Friedrich Mennecke, ebenfalls T4-Gutachter und Direktor der Anstalt Eichberg. Ähnlich war es auch mit Handwerkern, Büroangestellten und anderen, die von den Tötungsanstalten in die Vernichtungslager wechselten (vgl. Klee 1985) .

Eine direkte Verbindung zwischen den beiden Prozessen bestand ferner in der sog. Aktion 14f13. Darunter verstand man die Aussonderung von arbeitsunfähigen und unerwünschten (z.B. russischen) KZ-Häftlingen zur Tötung durch Vergasung in einer der T4-Anstalte n. Und schließlich wurde nach dem offiziellen Stop der 'Euthanasie'-Morde (die allerdings als 'wilde Euthanasie' weiterlief) ein Teil der Verbrennungsöfen (z.B. aus der Anstalt Hadamar) in die Vernichtungslager transportiert und dort erneut eingesetzt.

Strukturelle Paranoia und Größenwahnsinn

"Antisemitismus ist in erster Linie ein im neunzehnten Jahrhundert, dem Zeitalter der Industrialisierung, entstandenes schlichtes Deutungsmuster mit mörderischen Folgen. [...] [Die Judenfeindschaft, W.B.] sieht in den Juden eine mit unveränderbaren biologi schen Eigenschaften gekennzeichnete Gattung, die zwar aussieht wie Menschen, aber in Wahrheit eine Gegengröße darstellt, die es auf Zersetzung abgesehen hat: Zersetzung und Vernichtung von Familie, Moral, Staat und Gesellschaft, am Ende der Volksgemeinscha ft entweder durch die teuflische Macht des Geldes oder die mindestens ebenso gefährliche Wirkung des Intellekts. [...] Der Antisemit ist mithin strukturell paranoid"(Brumlik 1999, S. 19). Mit diesen Worten hat Micha Brumlik kürzlich nochmals eine zentrale psychologische Verfaßtheit des Antisemitismus beschrieben. Auch die oben dargestellten Angstzustände der deutschen Rassenhygieniker in bezug auf die vermeintliche Bedrohung durch die 'Minderwertigen' tragen ebenfalls diese paranoiden Züge und dienten im Si nne der Feindbildproduktion den späteren Vernichtungspraktiken oder leisteten zumindest dazu ideologischen Vorschub.

Bereits während des Zweiten Weltkriegs 1942 hat der ungarische Politiker, Jurist und Schriftsteller Istvàn Bibò eine Analyse über die deutsche Politik und die sozialpsychologische Situation vorgelegt, in der er von einer 'deutschen Hysterie' sprach. Er bet rachtete die Deformierung deutscher Gesinnung als Folge historischer Ereignisse. "Diese hysterischen Phänomene äußern sich für gewöhnlich in der ständigen Angst vor Verschwörungen, Invasionen oder feindlichen Koalitionen und in der unerbittlichen Verfolgun g vermutlicher oder tatsächlicher politischer Feinde"(Bibò 1991, S. 22).

Seine Beschreibung der deutschen Gesellschaft, wenn auch mit Mängeln behaftet, liefert einen heute noch beachtenswerten Beitrag, um sich dem Phänomen des Antisemitismus zu nähern, wobei hier die Begrifflichkeit der Hysterie nicht im klassisch psychiatrisch en Sinne zu verstehen ist. "In den hysterischen Gemeinschaften nimmt die Neigung zur falschen Selbsteinschätzung ständig zu. [...] Die Symptome der zwischen Selbstbild und Realität entstandenen Diskrepanz machen sich bemerkbar: Machthypertrophie und Minder wertigkeitskomplex, das Beharren auf hergebrachten Rechtsansprüchen an Stelle tatsächlicher Leistungen, die Rechtfertigung einer jeden Tat durch den bloßen Erfolg, die Erwartung der großen Genugtuung und der Glaube an die magische Kraft der Beschwörung von Wunschbildern, das heißt auf deutsch: der Glaube an die magische Macht der Propaganda"(Bibò 1991, S. 29).

Dieses Gefühl eigener Minderwertigkeit, das die politischen Eliten nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland befiel wegen der real verlorengegangenen innen- und außenpolitischen Machtpositionen, paarte sich mit einem Größenwahn und dem Wunsch, zumindest zun ächst im Bereich der internen Politik Einfluß auf vermeintliche gesellschaftliche Bedrohungssituationen nehmen zu können. Dazu bot sich die Eugenik als Wissenschaft an. Und sie produzierte Feindbilder, die wenige Jahre später bezüglich anderer gesellschaft licher Gruppen übernommen wurden und sich als sehr effizient erweisen sollten. Der Sprung vom 'auszumerzenden Minderwertigen' zum zu 'eliminierenden Judentum' war sehr kurz.

Forschungsdesiderata

Vereinfachenden Darstellungen, die lediglich chronologisch arbeiten und argumentieren, muß bezüglich des Zusammenhangs von 'Euthanasie'-Morden und der Shoah eine Absage erteilt werden. So behauptet z. B. der renommierte US-Historiker Henry Friedlander in s einem Buch 'Der Weg zum NS-Genozid' (1997) mit dem programmatischen Untertitel ,Von der Euthanasie zur Endlösung': "Massenmord war lediglich die radikalste Methode, bestimmte Gruppen aus der Volksgemeinschaft auszugrenzen. Die Ausgrenzungspolitik des NS-Re gimes war die Weiterentwicklung und Vollendung einer von der Wissenschaft mehr als fünfzig Jahre lang postulierten Ungleichheit"(Friedlander 1997, S. 27). Ähnlich wird in einem Aufsatz die Rassenhygiene als 'ideologisches Prädispositiv und Handlungsmotivat ion zum Genozid' beschrieben (Moghared-Abed 1989). Derartige Publikationen, auch wenn sie wichtige historische Fakten zusammentragen, setzen in ihrer Darstellung Ideengeschichte und Realgeschichte der Eugenik in eins und verzerren somit die historischen Re alitäten.

Die Stufen zur Vernichtung: innere Logik oder realgeschichtliche Singularität?

Die Forschung zur Geschichte der Rassenhygiene/Eugenik und der 'Euthanasie' hat bzgl. eines möglichen Zusammenhanges beider Komplexe keinen einheitlichen Standpunkt gefunden, einen solchen Zusammenhang z.T. völlig ignoriert oder offensiv bestritten. Dort, wo über das Verhältnis von 'Euthanasie' und Eugenik reflektiert wird, stehen sich zwei Hauptinterpretationslinien gegenüber. Während Vertreter einer Art 'Kontinuitätsthese' in den Anfängen (bzw. im Paradigma) der Rassenhygiene als letzte Konsequenz schon d ie Tötung von Menschen angelegt sehen, wobei meist eine Entwicklung über die Stufen 'Asylierung - Sterilisation - Vernichtung' aufgezeigt wird, geht eine zweite Forschungsrichtung davon aus, daß es keine geradlinige Verbindung gebe, sondern die Rassenhygi eniker lediglich an dem 'Bedingungsrahmen' beteiligt gewesen seien, "innerhalb dessen die 'Vernichtung lebensunwerten Lebens' möglich werden konnte"(Weingart/Kroll/Bayertz 1992, S. 523)."

Im einen Falle wird die 'Euthanasie', d.h. der Massenmord an Behinderten, psychisch Kranken etc. im Dritten Reich, als letzter Punkt einer 'schiefen Bahn', einer abschüssigen Ebene betrachtet, wobei als Vorläufer dieser Entwicklung in der Regel die Station en 'Asylierung' (oder: Ausgrenzung, Ausschluß, Emargination) und 'Sterilisation' als zwei wenn nicht vorbereitende, so zumindest vorausgehende und im inneren Zusammenhang stehende Entwicklungsstufen angesehen werden. Die 'Lebensvernichtung' (Dörner 1967) g ilt hier als die konsequenteste und systematischste Form der Behandlung gegenüber einmal für unerwünscht erklärten Menschengruppen.

Im anderen Falle lautet die Argumentation: Die chronologische, historische Aufeinanderfolge von Asylierung, Sterilisation und 'Euthanasie' deute auf keinen zwingenden inneren Zusammenhang hin, schon gar nicht in Verbindung mit der Entstehung und Entwicklun g der Rassenhygiene bzw. Eugenik. Dabei wird der zeitliche Ablauf nicht geleugnet, jedoch eine sich aus dem rassenhygienischen Paradigma ergebende notwendige Entwicklung hin zur Massenvernichtung energisch bestritten, lediglich die Möglichkeit einer solche n Entwicklung eingeräumt.

Die Zerstörung der Reproduktionsfähigkeit als Tötungsmetapher

Die große ideologische Klammer, die alle rassenhygienischen Bestrebungen und die tatsächlichen 'Euthanasie'-Morde verbindet, ist der offene oder geheime Wunsch, es solle, es dürfe keine 'Minderwertigen', 'Behinderten', 'Psychopathen', 'Ballastexistenzen' m ehr geben - dieser Wunsch wird in der Weimarer Republik mit den unterschiedlichsten Motivationen und Begründungen dargestellt, aber doch aus einer Grundhaltung: Sie sollen nicht sein!

So steht die Sterilisation - d.h. die Zerstörung der menschlichen Reproduktionsfähigkeit - ideengeschichtlich und real als Tötungsmetapher für die Gattung Mensch selbst.

Feindbilder und Vernichtungswahn

Eine Analyse über den Zusammenhang von Sozialrassismus, Minderwertigkeitsgefühl, Größenwahn und Antisemitismus steht noch aus. Hierzu böten sich zumindest drei Parallelen an (vgl. auch den Beitrag von Schoeps in diesem Band), die bei diesen Mordprogrammen eine Rolle gespielt haben, wobei die Bedeutung der Produktion von Feindbildern zentral ist:

a) Bedrohungsängste als Motiv

b) 'wissenschaftliche' Rassenlehre als pseudo-objektive Legitimation

c) Sprache ('Volkskörper' und 'Parasit' als zentrale Metaphern)

Sterilisation - 'Euthanasie' - Holocaust: Zusammenfassende Thesen

1. Wenn wir den eliminatorischen Antisemitismus (Goldhagen) in Deutschland als das zentrales Movens für die Shoah halten - was so zumindest zu Recht bestritten werden kann -, so ist dieses Phänomen auch durch eine doppelte Bedrohungsparanoia zu erklären, d ie nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland massive Ausmaße annahm.

2. Bereits in der Weimarer Republik entstand bei den politischen Eliten das Gefühl, innenpolitisch und außenpolitisch bedroht zu sein, welches sich in eine Wahnvorstellung steigerte (Istvàn Bibò: Die deutsche Hysterie).

3. Zentrale Ursache hierfür war die nicht akzeptierte Niederlage des Krieges und des Versailler Vertrags mit allen Implikationen (Verlust der Weltmachtstellung, Verlust der Kolonien, territoriale Verluste, Beseitigung der Monarchie sowie der Fürstenhäuser, Demokratie etc.).

4. Dieses Gefühl der eigenen Inferiorität schuf sich Feindbilder, die dazu dienten, Schuld anderen zuzuweisen. Während der Weimarer Republik hatten innenpolitisch neben den 'Linken' vor allem sozial schwache und Randgruppen diese Sündenbock-Funktion. Die B edrohungsvorstellung dieses Sozialrassismus ging davon aus, Deutschland werde von den sog. 'Minderwertigen' (Menschen mit Behinderungen) ökonomisch belastet und zahlenmäßig überschwemmt; der Fachterminus lautete: differentielle Fortpflanzung.

5. Im Zuge dieses Bedrohungsszenarios entwickelten sich in den 20er Jahren aggressive und auf Vernichtung ausgerichtete Sprachmuster und Argumentationsschienen gegen sozial unerwünschte Personengruppen, die in vielerlei Hinsicht den späteren antisemitische n Sprachmustern und Ideologemen ähnelten bzw. diese vorwegnahmen. Bezüglich behinderter Menschen wurden als gesellschaftliche 'Lösungen' das Einsperren ('Asylierung') und die Sterilisation vorgeschlagen. Lautete die Losung der radikalen Eugeniker gegen beh inderte Menschen 'Ein Parasit auf Kosten des Organismus', so hieß es bei den Antisemiten 'Schädliche Fresser sind zu vernichten'.

6. Dabei unterstellten beide Bedrohungsszenarien (sozialrassistisch und antisemitisch) dem jeweiligen Feind omnipotente Fähigkeiten ('Herrschaft der Minderwertigen', 'jüdische Weltherrschaft'), woraus sich radikale Lösungen zu legitimieren schienen. Die de utsche Gesellschaft bewegte sich so zwischen den 'polaren Extremen von Minderwertigkeitskomplex und Machtwahn' (Istvan Bibò).

7. Aus dem Gefühl der eigenen Minderwertigkeit erwuchs andererseits die Ideologie des Übermenschen, aus ihm entstand der Gedanke der Beseitigung des vermeintlich 'anderen'. Bei allen Unterschieden, was Ausmaß, aggressive Umsetzung und ideologische Begründu ng der verschiedenen Mordaktionen anbelangt, existiert zumindest eine Gemeinsamkeit bei der Sterilisation gegen Behinderte ('Sterilisation als Vorbeugehandlung im Sinne der Ausmerze'), den 'Euthanasie'-Morden und der Shoah, nämlich das Postulat: Du sollst nicht sein! Es ging also um die 'Deportation des Menschen'.

8. Historische und politische Forschung sollte der Frage nachgehen, inwieweit inhaltliche, sprachliche und psychologische Muster bei der Implementierung des Sozialrassismus und des Antisemitismus miteinander in Beziehung stehen bzw. sich bedingten, wobei e in besonderes Augenmerk auf die Produktion von Feindbildern, die jeweiligen Mordprogrammen vorausgingen, zu richten ist.

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Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege. Entwertung und Funktionalisierung der Fürsorge vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Freiburg 1991

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