tauhid-stiftung
Ustad Tarik T. Knapp

Ein neues Indiz

Nachlese

Es ist immer erfreulich, wenn eine Arbeitshypothese bestätigt wird, auch wenn es nicht ausdrücklich, sondern nur indirekt erfolgt. Wenn es aber auch noch unbeabsichtigt ist, dann darf sie als um so fester gelten. Im Jahre 1996 hatte Der Morgenstern in seiner Ausgabe Nr. 2 die das Geschichtsbild der Deutschen revolutionierende Arbeitshypothese aufgestellt, der größte Deutsche Kaiser und König des Mittelalters, der Hohenstaufe Friedrich II., sei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Muslim unter der von politischer Klugheit erforderlichen Tarnhaube der "Taqiya" gewesen. Was bedeutet Taqiya? Das "Kleine Wörterbuch des Islam", herausgegeben von Ahmad v. Denffer (Haus des Islam) aus dem Jahr 1986 definiert diesen Begriff folgendermaßen:

"'Sich schützen'; Bezeichnung für das Verbergen des wahren religiösen Bekenntnisses, das Anhängern der Schia im Falle der Gefahr gestattet ist." Es folgt der Verweis auf die Zaiditen, eine Untergruppe der Schia, für die die Vernunft und idschma zu den Grundprinzipien gehört. Diese Strömung des Islam war zur Zeit des Lebens von Kaiser Friedrich II. weit verbreitet und gerade in Nordafrika sehr stark. Unsere bisher von der Geschichtswissenschaft unserer Universitäten ignorierte Erstpublikation erfährt jetzt durch den bekannten Publizisten und Staufer-Experten Eberhard Horst eine unbeabsichtigte Bestätigung. Der Herder-Verlag, Freiburg, veröffentlichte in diesem Jahr Horsts kleines und sehr gehaltvolles Büchlein "Der Sultan von Lucera/Friedrich II. und der Islam". In ihm wird eine den Lesern des Morgensterns bereits bekannte historische Begebenheit wiedergegeben: "Auf seinem Sterbelager im apulischen Castel Fiorentino ließ sich Friedrich II. in die graue Kutte der Zisterziensermönche kleiden" (S. 9). Wir hatten schon darauf hingewiesen, daß diese Einkleidung nicht als Akt des kaiserlichen Bekenntnisses zum Christentum zu werten ist, weil die Kleidung christlicher Mönche sich im Mittelalter in nichts von der muslimischer Sufi unterschieden hat, sondern daß der Kaiser, nun aller politischen Klugheitsgebote ledig, sich in seiner Todesstunde für die Offenlegung seines wahren Glaubens als Muslim entscheiden konnte.

Eberhard Horst hält auch an der altbekannten These fest, Friedrich sei zwar antipäpstlich gewesen, aber dennoch ein Christ. Horst weist sogar (S. 116) nach, daß Friedrichs angeblicher Ausspruch von den drei Betrügern der Menschheit, nämlich Moses, Jesus und Mohammed, einzig und allein auf die Verleumdung durch Papst Gregor IX. zurückgeht, auf dessen Bannbulle vom Palmsonntag des Jahres 1239 u.Z., welche damals von der gesamten Historiographie Europas übernommen und seitdem kaum revidiert worden ist.

War der christliche Papst also nur ein zynischer Lügner und Verleumder wider besseres Wissen?

Wir sind allerhand gewohnt von den politischen Ränken und Intrigen des Vatikan. Aber es wäre dennoch wenig realistisch anzunehmen, ein christlicher Priester würde gegen sein Gewissen unverfroren Lügengeschichten erfinden. Hat Papst Gregor IX. vielleicht, wir wollen es zugunsten seiner Seele annehmen, nur in vager Kenntnis eines in verzerrter Weise an sein Ohr gedrungenen Stückchens Wahrheit um der politischen Wirkung willen eine systematisierte und vergröberte Teilwahrheit in die Welt gesetzt?

In diesem Buch von Eberhard Horst finden sich derart viele Details über Friedrich II., daß die Schlußfolgerung unabweisbar ist - die jedoch E. Horst nicht zieht! -, daß Kaiser Friedrich II. ein Muslim schiitisch-zaiditischer Prägung gewesen ist, was das jahrhundertealte Rätsel seiner Persönlichkeit heute löst.

Die Bestätigung unserer Behauptung liefert E. Horst wider seine Absicht, wenn er die Beschreibung der Öffnung des Sarges Friedrichs im Jahre 1781 u.Z. erzählt, aber mit Einzelheiten, die in früheren Beschreibungen dieses Ereignisses nicht genannt worden sind. Bisher hatten sich die Historiker darauf beschränkt, die Tatsache der Mumifizierung der Leiche in den Vordergrund zu stellen und wichtigere Tatsachen zu übergehen. Wir zitieren (S. 10 f.): "Das Unerwartete und ganz und gar Merkwürdige zeigte sich, als die Sarkophage 1781 anläßlich ihrer Standortverlagerung innerhalb der Kathedrale unter Aufsicht der Königlichen Altertumsverwaltung geöffnet wurden: Der in der grauen Zisterzienserkutte gestorbene christliche Kaiser trug nun arabische Seidengewänder, bestickt mit den kaiserlichen Adlern, ein leinenes Untergewand, besetzt mit kufischen Lettern, die Friedrich ausdrücklich als Sultan huldigten. Sein Schwert steckte in einer sarazenischen Scheide... Ihm zur Seite lagen auf Lederkissen seine Krone und die Weltkugel, ohne das auf den kaiserlichen Siegeln stets vorhandene Kreuz" (Kursivierung von mir).

Eberhard Horst fährt fort, Grabkleidung wie die Beigaben könnten "nicht unbedacht gewählt worden sein", und insinuiert, daß die sarazenisch-muslimische Leibgarde, die den Leichnam vom Sterbeort zur Grablegung eskortiert hatte, diesen Kleiderwechsel gemacht haben könnte. Zweifellos ist es undenkbar, daß christliche Priester den Kaiser mit Hinweisen auf dessen Stellung als Sultan und ohne das Christenkreuz ausgestattet haben würden. Vielmehr darf angenommen werden, daß die Treuesten der Treuen, die muslimische Leibgarde und die scheinchristlichen Oberen der Deutschherrenritter, den letzten Befehl ihres Kaisers ausgeführt haben. Schließlich läßt sich ein Reichsapfel mit den damaligen Techniken der Metallurgie nicht in der Kürze der erforderlichen Zeit zwischen Todesstunde und Begräbnis herstellen. Es muß längst vorher ein "geheimer" Reichsapfel ohne das Christenkreuz existiert haben.

Es hat schon seinen fast komischen Aspekt, daß die europäische Geschichtsforschung sich selbst, eher unbewußt als bewußt, den offenen Blick auf die wirkliche Gestalt Friedrich II. untersagt. Das Streichen wider den gewohnten Strich scheint mit großen Schmerzen verbunden zu sein. Die Erstbehauptung des Muslimtums von Kaiser Friedrich II. im Morgenstern 2/1996 ist jedoch ein Anstoß, der nicht mehr lange zu ignorieren sein wird. Wenn Europas Historiker nicht weiterforschen wollen, im Morgenland wird sich ein mutiger Historiker finden, insha'Allah.

Erstveröffentlichung in Morgenstern
3/97

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