2003-04-28
Fehlinterpretation des Kapitalismus als einer historischen Gesetzlichkeit?
Was wird aus den Nomaden?
Kapitalismus und Nomadentum - die älteste Janus-Gestalt?
Widerstand zwecklos, weil auslaufen muß, was enden soll...
Im Kapitalismus realisiert sich ein historisches Gesetz.
Das nomadische Denken und Schreiben geht darüber hinaus.
Ist die Stadtkultur per se kapitalistisch?
Ist die mittelalterliche Vorstellung von Stadt und Handwerk, solidem Kleinbürgertum, maßvollem Handel und Wandel ein Märchenbild?
Wovon lebt eine Stadt?
Jede Stadt lebt erst einmal von der Ausbeutung der umliegenden Landwirtschaft.
Auch literar-ideologisch ist vorgesorgt.
Im Kinderreim - Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann - ist die Hierarchie verewigt worden.
Der bäuerliche Produzent steht, wenn wir den Bettelmann mal beiseite nehmen, an unterster Stelle.
Bettelmann ist der, für den nur noch Almosen übrig bleiben.
Wir leben auch heute in mittelalterlichen Verhältnissen, irgendetwas daran scheint von der Zeit unabhängig zu sein.
Der Bürger ist auch der Handwerker, aber vor allem der Mittler, der Händler und Versorger, der Verteiler der bäuerlichen und handwerklichen Produkte.
Die Ausbeutung der Produzenten durch eine Hierarchie von Führungstechnikern, Sammlern, Verwertern und Verwaltern ist Stadtkultur.
Die Unnötigen versorgen sich mit dem Nötigen.
Die Stadt, eine Wuchernde, ist auch in anderer, überraschender Hinsicht eine Gefahr fürs Land geworden.
Die neue Seuche SARS, die zunehmend in den Metropolen Chinas auftritt, bewirkt, daß die chinesischen Dörfer vor den Städten, vor Besuchern aus der Stadt, sich schützen.
Während die Städter - mir fiel allerdings auf: die untergeordneten Städter, Beamten, Polizisten... - ständig mit dem Nasenschutz herumlaufen, gehen die Dörfler tatsächlich, wie ein jüngster Bildbericht zeigt, auf Distanz.
In einigen Städten soll es zu demonstrativen Protesten gegen die staatlichen Gesundheitsmaßnahmen gekommen sein.
Die Menschen erleben die Beschränkungen und Strafandrohungen nicht als notwendige Vorkehr, sondern als Schikane.
Kapitalismus ist die Metamorphose der Macht
Im Kapitalismus haben die Mittler, die Händler und Versorger, die Verteiler der bäuerlichen und handwerklichen bzw. industriellen Produkte die Herrschaft übernommen.
So ist der Kapitalismus in der antiken Kleinstadt angelegt.
Das Dorf ist die Grundlage siedelnden Lebens.
Der seßhafte Dorfbewohner hat einen ursprünglichen und einen kulturellen Feind.
Der ursprüngliche Feind des Bauern ist der Nomade, der dem Seßhaften - Grund und Boden Besitzenden - als potentieller Dieb und Räuber erscheint.
In den Augen des Nomaden hat der Bauer und Siedler den freien, von Gott gegebenen und allein Gott gehörenden Boden sich widerrechtlich angeeignet.
So ist der Bauer nicht der Unschuldige, sondern der mit der Ur-Schuld Beladene.
So erscheint die Stadtkultur als eine Strafe Gottes für die bäuerliche Aneignung von Grund und Boden.
Die - nach dem Kinderreim - als von Gott gegebene Hierarchie erscheinende Stadt- und Reichskultur ist durch den Kapitalismus, d.h. von der bürgerlichen Mittelklasse, in Frage gestellt, in Zweifel gezogen und letztlich gestürzt worden.
Der Kapitalismus ist die Demokratisierung der Gesellschaft, die Verallgemeinerung des Macht- und Herrschaftspotentials.
Der Kapitalismus ist die Wirtschaftsform der Demokratie.
Die Demokratie, wie wir sie heute kennen, ist der politische Ausdruck des Kapitalismus.
Eine andere Demokratie kennen wir allerdings nicht.
Die Geldwirtschaft ist demokratisch insofern, als das Tausch- und Verfügungsmittel Geld potentiell jedem zugänglich ist.
Geldbesitz ist nicht an die Zugehörigkeit zu einer Kaste oder Klasse gebunden.
Anders: Klassenwechsel ist mögliche Normalität.
Aufstieg und Abstieg sind natürliche, so auch gesellschaftliche Erscheinungen.
Der natürliche Gegensatz zum Kapitalismus ist der zur Seßhaftigkeit.
Das archaische Nomadentum wirft uns auf die von Gott erschaffene Ursprünglichkeit zurück.
Jede seßhafte - etwa sozialistische - Alternative ist zum Scheitern verurteilt.
Im Staatsmonopolismus leidet der Kapitalismus darunter, daß die kapitalistisch reich und mächtig Gewordenen aus der Geldzirkulation aussteigen und die Wiederherstellung der alten Kinderreim-Hierarchie anstreben, um sich zu adeln und ewig zu machen.
Das verzerrt den Kapitalismus zu einem historischen Bastard.