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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2003-10-25

Avram Kokhaviv

Waren Götter jemals jung?

Eine interessante Entdeckung

Norbert Lönnendonker: Als die Götter noch jung waren. Namenkundliche Untersuchungen zur Nibelungensage. © 2003 Rhombos-Verlag, Berlin

Der Autor gehört in die Gilde jener Forscher, die man nicht unterschätzen darf.

Es fängt alles so gemächlich an....

Ende der achtziger Jahre stieß ich in meiner Eigenschaft als regelmäßiger Besucher der Gummersbacher Stadtbibliothek auf ein Buch, dessen Titel mich in ganz besonderer Weise zum Lesen reizte.

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In dieses Buch - Heinz Ritter-Schaumburg: Die Nibelungen zogen nordwärts. München-Berlin 1981 - habe ich damals kaum einen Blick geworfen, obwohl es sich gelohnt hätte; neugierig hat mich jetzt Norbert Lönnendonker gemacht.

Heinz Ritter - nicht zu verwechseln mit dem Historiker Gerhard Ritter, darum Heinz Ritter-Schaumburg - hat nach dem Urteil der Zeit "die Nibelungengeschichte wieder auf die Beine gestellt", was ihm nur gelingen konnte, "weil er kein Germanistikprofessor ist".

In der Tat scheinen relevante (!) Neuentdeckungen am etablierten Wissenschaftsbetrieb eher vorbeizugehen.

Lönnendonker knüpft an Ritter an, um ihn abzuklopfen, zu ergänzen; imgrunde setzt er dessen regionale Reduzierung kräftig fort.

Seine namenkundlichen Untersuchungen zupfen beträchtlich an der märchenhaften Heldengestalt des Nibelungen Siegfried, geben ihm aber dadurch die Tragik zurück, die ihm zuzukommen scheint...

Oder war Siegfried ein keltischer Gott?

Lönnendonkers wesentlicher Beitrag ist wohl die besondere Aufmerksamkeit, die er der Unverwundbarkeit des germanischen Helden widmet, die dieser durch sein Bad im Blute des besiegten Drachen erlangte.

Siegfried hatte aber die angeblich schützende Hornhaut, so der Autor, seit seiner Geburt.

Die Drachengeschichte ist frei erfunden.

Auch eine andere phantasievolle Ausschmückung Siegfrieds über eine andere Eigenschaft seiner Haut läßt sich unter der Annahme, daß es sich hierbei um eine Ichthiosis vulgaris (X-chromosomal rezessiv) gehandelt haben könnte, zwanglos erklären. Gehört es doch zu den Ausformungen der Krankheit, daß die Haut auch schmutzigrot, faltig oder gespannt, atrophisch und seidenpapierdünn erscheinen kann.

Eine winzige - wie ein Eichen- oder Lindenblatt große - Fläche könnte sich also durchaus zwischen seinen Schultern befunden haben, was Siegfried zu der besonders ausgefallenen Geschichte inspiriert haben könnte, daß diese Stelle von einem Linden- oder anderen Blatte vor der Einwirkung des Drachenblutes geschützt worden sei.

(142)

Norbert Lönnendonker - ein Außenseiter, der einem an jeder Ecke mit neuen Überraschungen kommt.

Wir dachten doch alle bisher, daß Siegfried die namengebende (!) Hornhaut erst bei seinem Sieg über den Drachen und bei dem anschließenden Bad im Blute desselben erworben haben könnte. Und jetzt plötzlich so eine Unterstellung.

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Jung Siegfried war einfach nur ein erbkranker Mann, und die Nibelungen-Sage ist eine gar nicht so alte Provinzgeschichte.

Noch etwas hatten wir anfangs versprochen aufzuklären. Im Nibelungenliede ist die Rede von einem Kinde, das der Ehe zwischen Kriemhild und Siegfried entsprossen sei.

Die Thidrekssaga hat nichts davon.

Ich bin geneigt, hier eher der Ths. (= Thidrekssaga - kkk) zu folgen, denn Siegfrieds Krankheit hatte möglicherweise auch für seine Fortpflanzungsfähigkeit Folgen.

In unverhältnismäßig hohen Raten führt die beschriebene Krankheit nämlich zu Kryptorchismus = Fehlen eines oder beider Hoden im Skrotalfach (Leistenhoden, Bauchhoden), was bekanntlich unbehandelt fast unweigerlich zur Unfruchtbarkeit führt.

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Man hat den Eindruck, daß da einer alles in seiner Nachbarschaft vorfindet, um schön zuhause bleiben und seinen Phantasien nachgehen zu können.

Na gut, zwischendurch streut er mal ein, daß er, auch biografisch, nicht ganz so reinen Unschuldswassers ist.

Der Mann kriegt es fertig, ein altes überkommenes Weltbild aus der Ecke zu holen und mal ganz anders aufzustellen, und siehe, es scheint irgendwie auch zu passen.

Könnte man den Sippennamen Merowinger und vor allem den des Namensgebers der Sippe Merowech nicht einfach aus mer (Meer) und wig (Kampf) herleiten?

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Für mich ein besonderes Vergnügen, weil ich mich in diesen Fragen auch schon mal versucht habe, es macht einfach Spaß, alles bisher Bekannte und Unumgestoßene zu kippen, auf den Kopf oder auf die Beine zu stellen, ins bisherige Gegenteil zu verkehren, aus den Guten von gestern die Bösen für heute und morgen zu machen, umgekehrt die Verruchten endlich einmal zu vermenschlichen, denn irgendwie war es einem schon als Kind ein bißchen unbehaglich, an manchen Sagengestalten - dem königstreuen "Verräter" Hagen vornehmlich - keinen guten Faden zu finden, weil man wußte, daß das Leben meist doch ganz anders ist und die Historie ihre Tücken hat.

Wir hatten doch bisher immer eine blonde, blauäugige Vorstellung von Siegfrieds Aussehen. Sicher, von seiner Augenfarbe wird nichts gesagt. Aber braunes Haupthaar und brauner Bart? Was soll dies? Wir bitten die Leser, sich noch bis zum Kapitel über Brunhild zu gedulden. Dort wird die Auflösung des Rätsels über die braune Haarfarbe erfolgen.

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Die Götter waren niemals jung, nicht in dem Sinne, daß sie altern könnten, und ihre Wahrheit ist droben - nicht drunten.

Ein hebräisch*/ursprachlicher Versuch:

Siegfried ist Sivrid, vielleicht Siovrid, Siorid oder Sibhrid, Shivrid, Shivered, Shiveret...

Shebher, Shebhro = die Zerbrechung, Brechen, Bruch, Unglück, Verderben, Untergang; Auflösung, Deutung.

S(samakh)aphar, so etwas wie ein Erzähler?

s-b-r, Shabhar, ist auch verwunden, kränken, stillen.

Seber ist die Erwartung, die Hoffnung.

Die Ambivalenz ist immer wieder bemerkenswert.

Peret ist die einzelne, abgefallene Beere des Weinstocks; Paritz gleich heftig, gewalttätig, reißend.

Shibrith. Shaiah ist vergessen, vernachlässigen. Brith ist der Bund, das Versprechen, der Vertrag.

Siegfried ein Abtrünniger, der den Vertrag nicht mehr erfüllte, das Bündnis außer Acht ließ, von seinem Gotte abfiel... Ein Aussätziger... Der Gestrafte?

Meine Empfehlung: unbedingt beide lesen, parallel oder in welcher Reihenfolge auch immer: Lönnendonker und Ritter.

* nach Hebräisch-Deutsch zum Alten Testament von Dr. Karl Feyerabend, Berlin und München 1912, 16. Auflage 1969

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