2004-10-05
Vorbildlich
Ich sehe das ganz anders
Don Heddesheimer: Der Erste Holocaust. Jüdische Spendenkampagnen mit Holocaust-Behauptungen im Ersten Weltkrieg und danach. Castle Hill Publishers, Juli 2004
Heddesheimer wird ungewollt aktuell (und gerecht), wo er die vorbildlichen jüdischen Sozialregeln ziemlich vornan stellt, um damit die Spendenfreudigkeit für vermeintlich unredliche Zwecke zu begründen.
Aktuell deshalb, weil die Diskussion um und die Proteste gegen "Hartz IV" es an einer ähnlichen und ähnlich wünschbaren Solidarität mit und Hilfsbereitschaft für die Armen und Notleidenden fehlen lassen.
Würden die reichen Deutschen sich um ihre Bedürftigen sorgen, wie die reichen Juden sich um ihre Armen sorgen und gesorgt haben, als die Not etwa in Rußland vor dem Ersten Weltkrieg und danach am größten war, dann hätten wir die deutsche Einheit auch moralisch unter Dach und Fach, könnten wir in Deutschland uns den künftigen Dingen zuwenden.
Es ist den jüdischen Institutionen schwerlich vorzuwerfen, daß sie, um ihren verarmten und bedrohten Leuten in Europa zu helfen, alle Mittel einsetzten, die zu Gebote standen, und daß sie auch mit psychologischem Nachdruck arbeiteten, als die Hilfsbereitschaft nachließ, ausgerechnet zu einer Zeit, da die Not sich täglich verschlimmerte.
Der für seine hungernden und frierenden Kinder sorgende Familienvater hat immer recht.
Es gab damals bemerkenswerte Extreme an Armut und Reichtum unter den Juden in London. Die Juden kümmerten sich um ihre eigenen Armen, und es gab keine Juden, die in bezug auf ihren Unterhalt von staatlicher Hilfe oder nichtjüdischen karitativen Einrichtungen abhingen. Aber tatsächlich erhielt jeder dritte Jude in London Armenfürsorge, jeder zweite Jude gehörte zur Klasse der Armen und jede zweite jüdische Beerdigung war nach Angaben des Berichts des Jewish Board of Guardians von 1886 die eines Armen ("Jewish Poverty and Wealth", New York Times, 30. Mai 1887).
Armenfürsorge hat in der jüdischen Gesellschaft eine lange Tradition. Viele glauben, daß die großen Propheten des Alten Testaments den direkten Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Unterdrückung und Mangel klarstellten. Nach ihrer Vorstellung war Armut grundsätzlich eine Folge sozialer und wirtschaftlicher Ausbeutung. Die Ursache des Mangels führten sie auf den ungerechten Vorteil zurück, den sich der Starke gegenüber dem Schwachen verschafft. Öffentliche Fürsorge entstand im Bereich der Synagogen. Zu früheren Zeiten gab es im Tempel selbst einen Raum, wo der Gläubige unbeobachtet für die jeweiligen Armen spendete. In alten Zeiten wurden Synagogen sogar als Orte des Obdachs und der Versorgung von Reisenden genutzt (Ephraim Frisch, An Historical Survey of Jewish Philanthropy, New York: Macmillan and Company, 1924). Etwas politischer formuliert sagte Theodor Herzl, der Vater des Zionismus (Theodor Herzl, The Tragedy of Jewish Immigration, New York: Zionist Organization of America, 1920, S.9):
"In alten Zeiten hatte man die jüdische Armenfürsorge an verschiedenen Orten eingerichtet, im wesentlichen um die Bedürfnisse derjenigen zu befriedigen, die von anderen Orten anreisten und durch Verfolgung vermögenslos geworden waren. Zu einem großen Teil bestand das Motiv in der Ungewißheit, daß der Fürsorgegeber von heute bald der Bettler von morgen werden könnte."
Es gab eine Zusammengehörigkeit aufgrund von Unglück, wenn nicht gegenwärtig, dann möglicherweise in der Zukunft. Im Jahr nach Inkrafttreten der Sozialgesetzgebung von 1880 behielten die deutschen Juden Tausende ihrer eigenen Wohltätigkeitsorganisationen bei* (Ron Chernow, The Warburgs - The Twentieth Century Odyssee of a Remarkable Jewish Family, New York: Random House, 1964). 25f.
* Die grundsatz- und gewissenlosen Deutschen schaffen ihre vorbildliche Sozialgesetzgebung der "1880er" und "1950er" gerade ab. kkk
Ephraim Frisch, An Historical Survey of Jewish Philanthropy, New York: Macmillan and Company, 1924. Ab Seite 62 führt das Buch die "Acht Stufen der Armenfürsorge" von Maimonides auf, "Portions of the Poor" Kapitel 10, Absatz 7-14, von der höchsten zur niedrigsten:
1. Den höchsten Grad der Wohltätigkeit erreicht jemand, der sich um einen Israeliten kümmert, der verarmte, und ihm eine Spende oder einen Kredit gibt oder mit ihm eine Partnerschaft eingeht oder Arbeit für ihn findet, so daß er nicht um Hilfe bitten muß.
2. Der zweithöchste Grad von Wohltätigkeitspenden bestand darin, dem Armen Fürsorge zukommen zu lassen, ohne daß dieser wußte, von wem er sie erhielt, wie etwa die Spende an einen öffentlichen Armenfonds, der von einer vertrauenswürdigen weisen Person verwaltet wird, die weiß, wie ordnungsgemäß vorgegangen werden muß.
3. Weiter in absteigender Reihenfolge vom höchstem zum geringsten Verdienst. Dem Armen Wohltätigkeit gewähren, wo man den Empfänger kennt, aber er kennt den Geber nicht, wie etwa erlesene weise Männer, die heimlich Geld an der Tür des Armen hinterlassen.
4. Spenden, wenn der Arme weiß, wer der Spender ist, aber der Spender weiß nicht, wer sein Geld erhielt.
5. Geben, ohne darum gebeten worden zu sein.
6. Geben, nachdem man darum gebeten wurde.
7. Weniger geben als sich geziemt, aber in einer angenehmen Art.
8. Die am wenigsten verdienstvolle Wohltätigkeit liegt vor, wenn man widerstrebend gibt. (26)
Die 1906 verabschiedete Verfassung des American Jewish Committee stellte fest:
"Das Ziel dieses Komitees besteht darin, Eingriffe in die bürgerlichen und religiösen Rechte der Juden zu verhindern und die Folgen von Verfolgung zu lindern. Falls die Verweigerung oder Verletzung solcher Rechte droht oder tatsächlich erfolgt oder wenn irgendwo unglückliche Verhältnisse bestehen, die es erfordern, daß den Juden eine Entlastung verschafft wird, kann mit denjenigen, die mit der Situation vertraut sind, Korrespondenz aufgenommen werden, und wenn die Personen vor Ort sich in der Lage sehen, mit der Situation fertig zu werden, muß keine Maßnahme ergriffen werden. Wenn sie aber um Hilfe ersuchen, sollen Schritte ergriffen werden, um sie zu gewähren." (31)
Solche Grundsätze und Regeln wären den Deutschen in Not zu wünschen, die von ihren "Besserverdienenden" - den Regierenden, Politikern, Unterhaltungsclowns und Schreiberlingen - öffentlich ausgelacht und - nach Arier-Art - wie der letzte Dreck behandelt werden.
Zum andern stelle man sich vor, das Judentum würde seine uralten Gesetze abschaffen, "weil uns unsere Armen zu teuer werden"...
Es bleibt beruhigend unvorstellbar.