2004-09-16
Antwortet nicht, antwortet lieber nicht
Ich habe darauf geachtet, zu schreiben, was ich denke, verantwortlich zu sein und einstehen zu müssen für alles, was ich irgendwann schrieb.
Für alles Tun und Lassen, Sagen und Schreiben, bin ich - vor Gott - rechenschaftspflichtig.
Im Laufe der Entwicklung gibt es merkwürdige Brüche, die ich mir erklären muß.
Ich habe "drauflos" geschrieben, nicht auf "Linie" geachtet, Abweichungen sind mir später aufgefallen.
Was ich heute schreibe, ist nicht mehr das, was ich vor zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren schrieb.
Ich bin, hoffe ich, reifer geworden, mein Wertesystem ist aber das gleiche geblieben; geändert hat sich allerdings die politische Landschaft weltweit.
Wer seine Gefangenen nicht schützt, sondern demütigt, foltert und zu entwürdigen sucht, verdient unsere Verachtung.
Ich kann ihre Taten und Worte nicht mehr gutheißen, wenn meine Freunde sich wie Feinde verhalten, aus bekennenden Demokraten handelnde Faschisten werden, die die Regeln des Rechtsstaats mißachten, Partei nehmen, wo sie nur gerecht sein müßten.
Ich kann Amerika nicht mehr bejubeln, wenn es - wie in den vergangenen Jahren - so viele Anlässe liefert, die an seinem Verstand zweifeln lassen.
Heilige Prinzipien sind aufgegeben worden, und es ist schwer, von diesem "Trip" wieder herunterzukommen.
Saddam Hussein, noch an der Macht, war mir suspekt und inakzeptabel, die Sympathien deutscher Linker für den Diktator in Bagdad blieben mir schleierhaft.
Ihre bis heute ungeminderte Sympathie für den libyschen Operettendespoten Ghadafi ist von der gleichen Art undurchsichtiger Polithintergründe.
Mein Grundsatz, die Starken anzugreifen, die Schwachen aber zu schonen und notfalls zu unterstützen, bleibt richtig, gerade weil und wenn die Personen wechseln, Gewichte umverteilt werden.
Der diktatorische Iraq ist von der US-Koalition militärisch zerschlagen worden, Saddam sitzt in heimischer Gefangenschaft.
Es ist keine Kunst und zeugt nicht von Mut, jetzt gegen Saddam zu agieren; der Mann ist am Boden und zeigt dabei eine überraschende Größe.
Der iraqische Widerstand gegen die illegalen Invasoren und Okkupanten ist noch ein Kind aus Saddamscher Verteidigungsplanung für den Fall der Besetzung des Landes.
Das von mir via Freiheit und Demokratie verehrte Amerika hat in Guantánamo und anderswo seine Kriegsgefangenen aus Afghanistan entrechtet - fast (!) wie nach Weltkrieg II auf den Rheinwiesen seine deutschen Kriegsgefangenen, von denen mehr als eine Million unversorgt verhungerten, erfroren, verreckten...
Das ist eine Geschichte für sich, die ich lange Zeit vernachlässigt hatte.
Die zeitliche Entfernung bringt uns nicht nur den Holocaust näher; es scheint ein Gesetz des Erinnerns zu sein.
Wie aus Opfern Täter wurden, die im Nahen Osten sich kräftig eingemischt haben, so sind zahlreiche Täter von gestern zu bejammernswerten Opfern geworden.
Strafe muß sein... - wenn das gilt, gilt es für alle und jeden, wofür auch immer.
Mit meiner kleinen Zusammenschau bestehe ich darauf, unter gleichen Umständen heute zu den gleichen Beurteilungen zu kommen wie einst - nur sind eben leider die Umstände nicht die gleichen geblieben.
Ich habe mich nicht unkritisch, sondern kritisch (!) angepaßt - und damit entfernt.