2002-00-00
Momente der Landschaft
Clara Rimann in Kairos New Art Gallery
"Lies nicht mehr - schau! Schau nicht mehr - geh!", lautet Paul Celans schriftlicher Appell in der "Engführung".
Was der Dichter eng führt, dabei einem musikalischen Prinzip folgend, ist die Sprache, die im Laufe seines Gedichts immer reduzierter wird.
Auch in den Bildern der Künstlerin Clara Rimann läßt sich eine zunehmende Hinwendung zu einer poetischen Abstraktion beobachten.
Mit festen, schwungvollen Pinselstrichen entstehen auf dem Papierträger an kalligrafische Schriftzeichen angelehnte Kompositionen.
Statt die Natur nachzuahmen, konstruiert Clara Rimann eine Art Sprachkörper.
Sie selbst sagt über sich: "Ich bin jemand, der zeichnet".
Denn das Setzen von Zeichen beinhaltet eine direktere Umsetzung als der malerische Prozeß.
Etwas sehen und es auf dem Bildgrund einschreiben, ist Clara Rimanns erklärtes Ziel.
Das unkontrollierte All-Over ist ihre Sache trotzdem nicht.
Sei es nun die Serie "Gestern ist Heute", seien es ihre in Athen ausgestellten Bilder mit dem Titel "Omphalos", stets baut sie in den Arbeiten eine spannungsreiche Wechselbeziehung zum Papierträger auf.
Die historischen Drucke und Stiche gilt es dabei weder völlig zu überdecken noch zu durchstreichen.
Die Künstlerin akzentuiert vielmehr, führt bestimmte Ordnungslinien fort und lenkt so den Blick des Betrachters weg vom Bildgegenstand hin auf die wesentliche Struktur.
Mit wenigen kontrastreichen Strichen gelingt es ihr, Dynamik aufzubauen, den ursprünglichen Schwerpunkt der Komposition zu verlagern.
"Meine Bilder sind ein emanzipatorischer Akt, in den ich spielerisch meine eigene Struktur mit einbringe", beschreibt die Künstlerin ihr Schaffen.
Durch das Hin- und Herweben grafisierter Zeichen auf dem vorgegebenen Druckpapier verbindet sich im Entstehungsprozeß das Vormals mit dem Jetzt.
Ähnlich dem Prinzip der Collage fügt Clara Rimann unterschiedliche Elemente zu einer Einheit zusammen.
Ihre Arbeiten sind beides: selbst referenzielles Bild und konzentriert heraus gearbeitetes Zeichen.
Rhythmus, Bewegung und der Wechsel von hellen und dunklen Farbkontrasten kennzeichnen ihre 2001 entstandene Bildserie "Mon petit ruisseau sauvage".
Hier scheint nun alles zu fließen: Kleine Tupfen in Blau und Grau, durchzogen von schwarzen Balken, bedecken gleich dynamischen Richtungsvektoren den Papierbogen.
Der kompakte Knoten aus ineinander geschlungenen Linien hat sich in diesen Arbeiten aufgelöst - unter einer offen gestalteten Struktur schimmert der eigentliche Malgrund hervor.
Eine harmonische Balance zwischen Linie, Form, Farbe und ein höheres Maß an Reduktion prägt Clara Rimanns neuen kleinformatigen Zyklus aus Acrylfarbe auf Seidenpapier.
Das einst dominante Schwarz ist einem nahezu transparenten Grau gewichen, über das sich feine diagonale Linien in leuchtenden Gelb- und Orangetönen legen.
Man mag sich an dieser Stelle nochmals an Paul Celans "Engführung" erinnern:
Denn wie der Dichter, so führt auch die Künstlerin ihre Bildelemente zu einer absoluten Reduziertheit:
Was sie mit dreierlei Farben aufs Papier bannt, sind Restspuren - Momente von Landschaft, deren zarte Ästhetik so viel Ausdruckskraft besitzt, daß sie mit Leichtigkeit unsere Phantasie beflügeln.
* Hortense Pisano ist Journalistin, Kunsthistorikerin, lebt in Frankfurt am Main, schreibt für Zeitungen und den Frankfurter Kunstverein. kkk