2006-01-30
Standbein
Mit dem Wahlsieg der Hamas-Bewegung ist einmal mehr deutlich geworden, daß die islamische Revolution viele Gesichter hat.
Das Aufbegehren der islamischen Welt ist ein währendes Grummeln, ein Beben, das dauert und im Laufe der Zeit die Welt verändert.
In diesen Tagen ist zu hören, daß das Wahlergebnis die Entwicklung um fünfzig Jahre zurück geworfen habe, aber das kommt wohl eher aus einem Wunsch, der sich so gewiß nicht erfüllen wird.
Die panarabisch-sozialistischen und nationalistischen Bewegungen haben sich abgenutzt; vergessen ist, daß im vorigen Jahrhundert die Religionen allesamt als überholt zum alten Eisen gerechnet wurden.
Heute will das Überholte als das Jüngste und Unsterbliche erscheinen, dem sich die Welt mehr und mehr zuwendet.
Der atheistische Bürgerkrieg gegen die Religion lief ins Leere; heute haben wir es mit interreligiösen Kriegen zu tun, die grob als christlich-anti-islamisch beschrieben werden können.
Es zeichnet sich zudem eine vielfältige Spaltung im Islam ab, die - obgleich vorerst nur gedämpft antagonistisch - den alten Rissen und Furchen folgt.
Jüngst tritt, auch via Hamas, die Muslim-Bruderschaft wieder auf den Plan.
Die Al-Qaida-Bewegung entsprang dem Wahhabismus, während im Iran und im Süden des Iraq die Shia sich wieder politisch zu Wort gemeldet hat.
Der harte Widerstand gegen die US-geführten Invasoren ist sunnitisch geleitet.
In Afghanistan erhielt der autochthone sunnitische Widerstand den wahhabitischen Schwung über die engeren Grenzen hinaus.
Der Islam tritt regional verschieden motiviert auf; er muß nur darauf achten, daß er sich nicht ahistorisch aufsplittern läßt.
Die Stämme mögen es verhüten.
Wenn es wahr ist, daß die vom Westen bestimmte Welt aus den Fugen und ins moralische Verderben gerät, haben wir da die gerechte Lösung.