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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2006-11-12

Avram Kokhaviv

Kollektivismen und das freie Individuum

Nicht zu vergessen!

Das freie Individuum ist für eine historische «Bewegung» wertvoller als Millionen Mitläufer und Ja-Sager.

Das ist keine elitäre Feststellung, sondern ein Trauerspiel.

So schwingen sich die Freien und Starken zu Führern der vielen Blindgänger auf, mit deren angetriebener Unterstützung sie wiederum freie Rivalen diskriminieren, verdrängen, vertreiben.

So entsteht ein - sportliches, sozialistisches, nationalistisches, christliches, jüdisches, islamisches... - weltliches oder religiöses Kollektiv.

Im Kollektiv kämpfen mit einander Individuen nicht gegen den gemeinsamen Feind, sondern um Führungspositionen.

Die in sich demokratisch qualifizierte Gemeinschaft - grundsätzlich: die reine Theorie - bestehend aus starken, weil freien Individuen - ist darum eine verdammte Rarität - oder Unmöglichkeit.

Ob das Kollektiv eine Zeitung, eine Gartenkolonie oder eine politische Partei, einen weltanschaulichen Verein oder eine religiöse Gemeinschaft gründet, es ist jedes mal das selbe.

Die Parteiung folgt einer Ideologie der Selbstbestimmung, die schließlich zum Dogma verhärtet, gegen das kein Mitglied mehr ankommt.

Ideologien sind ursprünglich individuelle Weltsichten.

So begann unsere Geschichte.

Philosophische oder religiöse Lehren stehen schon lange nicht mehr am Anfang einer kollektiven Sammlung.

Wer beitritt oder hinein geboren wird, begibt sich in ein bereits fest gefügtes Haus mit unsichtbaren Mauern und Pfeilern, die das Gebäude tragen.

Organisation der Organisationen ist der Staat, in ihm wird der Mensch an sich zu einem Nichts.

Der genetisch relativierte Unwert des Menschen macht die kollektive Organisation scheinbar notwendig.

Die Insuffizienz des Einzelnen ist sein Sicherheitsproblem.

Die große Zahl verbindet die Schwachen.

Antike Heldensagen sprechen von herausragenden Sondergestalten und ihrem zahllosen Gefolge.

Die autonomen Individuen erscheinen als Götter und Halbgötter.

Die Idee, daß die Masse sich auflösen und individualisieren möge - so etwas wie eine Vergöttlichung des versklavten Menschen in einer neuen Welt von neuen Göttern... -, ist und bleibt eine Utopie.

Spekulationen dieser Art gelten den etablierten Religionen als Blasphemien.

Die Realität widerstreitet dem Geist der Veredelung und Erhöhung bis ans Ende der Tage.

Der Gott vom Sinai brachte den Sklaven eine Botschaft der Befreiung, die Torah ward ihnen zur Freude gegeben, die Verheißung des heiligen Landes bereitete den Aussichtslosen eine bis dato nicht erträumte Zukunft.

Bald scharten sich Abtrünnige in Klüngeln um Führer und Demagogen.

Die Lehre gab nur noch denen Halt, die erkennen und nicht abirren wollten.

Ein Sozialist ist eingetragenes Mitglied - womöglich - der sozialistischen Partei.

Es genügt nicht, revolutionär und kommunistisch zu denken.

Jude ist, wer - nach den post-toranischen (!) Regeln der Halakhah - zum Judentum gehört.

Christen sind Getaufte dieser oder jener Kirche.

Die Spitzen der Hierarchien entscheiden, wer zu «ihrem Volk» gehört und wer nicht.

Es entstehen subalterne Auslesen, wo die einsamen Elefanten - wesentlich zur Qualifizierung der Herde gedacht - freiwillig oder unfreiwillig davon laufen.

Sie hätten auf ihrer Autorität bestehen müssen.

Der autonome Einzelne - nicht Sklave und nicht Treiber - wird vom Kollektiv - der Partei, der Nation, dem Verein, der Kirche... - als Gefahr - als nämlich freie, unberechenbare Person - richtig erkannt.

Par excellence organisiert sich im Staat - und als Staat - die Verfeindung und Entrechtung des von Gott eingesetzten souveränen Individuums.

Die Auflösung des Kollektivs, dessen es nicht mehr bedarf, wenn jeder das Wesentliche begriffen hat, ist der Sinn der Berührung.

Das principium individuationis - das Höchste - haßt Organisationen, Herrschaftsstrukturen, verachtet den organisierten Menschen, der - seiner von Gott gegebenen Sonderheit beraubt - Selbstverrat übt.

Mit jeder Vereinsgründung beginnt ein neuer Verrat am unabhängigen Individuum.

Auch den Islam gibt es nicht ohne rituelle und organisatorische Einbindung.

Der Gedanke der offenen Gesellschaft mit offenem Denken und offener Zukunft ist jeder Religionsgemeinschaft fremd.

Es fängt so einfach an:

Mit der gesprochenen Shahadah, dem Bekenntnis zu dem Einen Gott und seinem Gesandten Mohammed, wirst du vor Allah und der quranischen Lehre zum Muslim.

Damit begnügt sich der so oder so organisierte Islam jedoch nicht.

Wer nicht an der gemeinsamen rituellen Praxis teil hat, gehöre nicht wirklich dazu.

Doch merke:

Die Autorität der Individuation rangiert über der Gewalt kollektiver «Bewegung».

Die jüngste Geschichte der islamischen Revolution bestätigt, daß der nicht auffindbare Djihad dem ungeschriebenen Gesetz der Individuation gehorcht.

Ohne organisatorischen Zusammenhang bleibt die fröhliche Unberechenbarkeit gewahrt.

Der Grundsatz, daß die Freiheit unsere Sicherheit sei, gilt mit Bezug auf individuelle Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit um so mehr.

Jede Organisation ist eine Beschränkung und letztlich Anbindung der Freiheit des Einzelnen.

Organisationsstruktur ist Klassen- und Befehlsstruktur.

Erkenntnis und Bekenntnis präzisieren den Kurs, ohne die Klassenlage zu verändern.

Wenn ich bekenne, was ich als richtig erkannt habe, sind Beitrittszeremonien, Verleihung von Mitgliedsbüchern, Priesterhandlungen und Ritterschläge wie zum Schein geheiligte Satiren auf den Augenblick der Wahrheit.

Die individuelle Entscheidung steht über und vor allem, was hernach und darunter sich tun mag.

Das freie und freudige Ballspiel endet - und beginnt nicht - mit dem angepaßten Fußballverein.

Selbst der Krieg ändert nichts an dieser Wahrheit.

Seine aktuelle Asymmetrie unterstreicht es mit Nachdruck.

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