2006-02-26
Verleugnete Spuren und Wurzeln
Ich habe nach dem Zweiten Weltkrieg die deutschen Wurzeln verleugnet und verleumdet.
Spuren, die in die NS-Zeit zurück führten, habe ich verdrängt.
Ich war in dem Alter, da ein Junge sich für Waffen begeistert, gern kämpft, den ehrenhaften Fronteinsatz herbei sehnt...
Im Dorf wurden Panzersperren gebaut, Schützengräben ausgehoben, ich habe es bedauert, daß man uns Zwölf- und Dreizehnjährigen keine Waffen gab.
Wir wären gute, tapfre Kämpfer gewesen, leider zwei oder drei Jahre zu jung.
Kinder des Krieges, die wir waren, durften wir dennoch kriegerisch nicht Anteil nehmen.
Nach dem Krieg revanchierte sich unsereins vielleicht für diese Schmach.
Ich wurde der Friedlichsten einer und kümmerte mich nicht im geringsten um das Unrecht, das auch den Deutschen angetan worden war.
Viele Jahre vor der allgemeinen Selbstbeschuldigung der Deutschen war ich einer der entschiedensten ideellen Richter und Henker.
Wahr ist, daß die Führung des Deutschen Reiches «ihr» Volk 1945 im Stich gelassen hatte...
Ich ging nach dem Krieg noch zwei Jahre in Pankow zur Schule, am Stiftsweg lag unser Schulgarten, wo wir ein bißchen Botanik lernten, wie wir es aus der Kriegszeit kannten...
Eine merkwürdige Geschichte.
Es war noch einer dabei, der wohl gar nicht merkte, was nun geschah.
Auf einer quadratischen Fläche - Unterarm-Seitenlänge - glättete ich den Boden, säte ein Hakenkreuz und deckte es mit Erde ab.
Ein paar Tage später kam es in der Schule zum Eklat.
Mein Beet lag gleich am Drahtzaun neben der Straße, so daß jeder Passant das inzwischen sprießende Hakenkreuz sehen konnte.
Der Rektor stürzte in unsere Klasse und forderte den Täter auf, sich zu melden.
Ich meldete mich nicht und wurde auch nicht «gemeldet».
Der strenge Ernst, mit dem der Jux auf einmal behandelt wurde, paßte nicht ins Gesamtbild meiner Hakenkreuzspielerei.
Mir war sie peinlich, weil ich innerlich überhaupt keine Beziehung dazu hatte.
Ein öffentliches Bekenntnis hätte die Sachlage verfehlt.
Das war 1946, und nach sechzig Jahren erwähne ich diesen Vorfall.
Die Hysterie, die ich damit hervor rief, wird mir erst im nachhinein bewußt.
Es war nicht feige, sondern klug und richtig, daß ich mich nicht stellte.
Wer war befugt und durfte es wagen, mein - unbewußt entschiedenes - Handeln zu verurteilen?
Der aufgeregte Schulrektor - bis zum Kriegsende Leiter eines KLV*-Lagers irgendwo in den Alpen - war um seine Nachkriegskarriere besorgt... - doch alles verlief schließlich im Sande.
Heute sehe ich das verbotene Hakenkreuz anders, vermute sogar, daß ein gewichtiger Zusammenhang besteht.
Ein harmloser Schuljungenstreich wurde politisch aufgebauscht - doch warum ward ich in dieser Form vom Teufel geritten?
Warum säte ich nicht ein Fenster oder ein Kirchenkreuz oder den Sowjetstern?
Das Hakenkreuz lag geschichtlich-assoziativ näher.
Funktional war das «Satanszeichen» unverzichtbar und auch nicht zu ersetzen.
Meine spielerische Aussaat war eine Provokation, nicht beabsichtigt und mir in ihren Folgen auch nicht bewußt - und doch wie vorbestimmt, in Rätseln bedeutsam.
Ich war erstaunt, an welcher Lächerlichkeit die neue Welt «völlig aus dem Häuschen» geriet.
Während der NS-Zeit war das Hakenkreuz - langweilig genug - überall zu sehen, aber jetzt, ein Jahr danach, entpuppte sich dieses Symbol als Träger einer unsichtbaren Kraft, von ihren alten und neuen Feinden - Siegreichen und Sieglosen - offenbar gefürchtet.
Der Nazismus ist vernichtet, seine Anstifter sind tot oder erwarten ihr Urteil, die NS-Symbolik ist wertlos geworden, Spielgeld... - warum diese Angst?
Warum diese Aufwertung per Verbot?
Ich vermute, daß die nazistische Propaganda - Hitler und Goebbels voran - mit ihrer magischen Sprache - in Wort und Bild - ihre Feinde - mehr als ihre Freunde und unmittelbar Betroffene - in den Bann zog.
Hitler machte ihnen Angst, mit Goebbels erschien eine Gestalt des «Widersachers» in Person.
Die Verbindung politischer Hexerei mit wirtschaftlicher und militärischer Machtentfaltung - in einem doch relativ kleinen Land - wurde als eine unheimliche Bedrohung empfunden.
Wir erleben einen ähnlichen Vorgang mit der aktuellen Reaktion des Westens auf den politischen und revolutionären Islam.
Nur noch der hysterische Anti-Semitismus läßt sich damit vergleichen.
Als ob gegenseitige Verteufelung - heute wie damals - die Kriege schürt und unumkehrbar macht.
Die Anzeichen sprechen dafür, daß der nunmehr sich offenbarende Religionskrieg viel früher begann, als allgemein angenommen wird.
* Kinderlandverschickung