2007-04-08
Ismael behauptet sein Erstgeburtsrecht
Flavius Josephus gab - für die schriftliche Fixierung der mündlichen Überlieferung in der Diaspora - die einleuchtende Erklärung: sie drohte sonst in Vergessenheit zu geraten.
Der Abfall - ein allmähliches Abbröckeln - vom - im Exil land- und heimatlosen - Judentum ist ein integraler Bestandteil der hebräischen und jüdischen Geschichte.
Ein innerer Rückzug in die Geheimnisse des von der weltlichen Geschichte offenbar widerlegten Judentums, das wie zeitlos entgrenzte Gemüts- und Denkmedium der talmudischen und qabalistischen Schriftgelehrsamkeit, die in der meist ungesagten Auseinandersetzung mit fremden und weniger fremden Denk- und Auffassungswelten - der griechischen Philosophie, dem römischen Recht, der christlichen Scholastik, dem islamischen Staatswesen... - eine differenzierte, vielfältige Hochform erlangt, ist unter den gleichsam posthistorischen Bedingungen des exilierten Hebräertums beispiellos.
Die innere und äußere seelische und geistige Geschichte der jüdischen Diaspora seit der Vertreibung aus Jerusalem durch die Römer, mit der und nach der sich regelmäßig wiederholt, was wahrscheinlich bei der Verabschiedung Abhrams aus dem chaldäischen Ur seinen Anfang nahm und später bis zum Holocaust sich steigert, wird nur als quasi widergeschichtliches Streit- und Konfliktelement verständlich.
Das praktisch unangepaßte und theoretisch unanpaßbare Judentum revidiert gleichwohl seine Tradition und entdeckt dabei fürs Leben im Exil das eine oder andere Nützliche.
Historisch mag die mühevolle Ordnung der jüdischen Lebensregeln aus der existentiellen Not der Juden verständlich sein, doch auch später ist an der Halakhah nicht gerüttelt worden.
Das Bestehen auf der Mutterlinie für den Beweis der Jüdischkeit ist - unausgesprochen - eine Reflexion auf die Söhne Abhrahams.
Nach der - toranisch authentischen - Vaterlinie ist Ismael/Yishmael der Erstgeborene Abhrams.
Will aber Isaak/Yitzchaq den Segen der Erstgeburt empfangen, muß er auf die Mutter - Sarah - rekurrieren, deren Erster er ist, zugleich aber der Zweite Abhrahams.
Die orthodoxe Festlegung ist eine Erkenntnis aus geprüftem Torahwissen, eine vermutlich auch nützliche Anpassung an römisches Recht und später - im 16. Jahrhundert, nach der spanischen Vertreibung - ein Bekenntnis im Angesicht der islamischen Gerichtsbarkeit.
Ungefähr zweitausend Jahre nach Babylon widerruft das Judentum noch einmal - implizit, wenngleich für die Wissenden mit klaren Worten - das Erstgeburtsrecht Isaaks/Yitzchaqs.
Während der Segen, den Jakob erhielt, mit Hilfe wiederum der Mutter - Ribhqah - dem etwas älteren Bruder Esau abgeluchst war, ist die Integrität Yitzchaqs von jüdischer Seite allenfalls durch das vorgeburtliche Verhalten der betagten Sarah in Zweifel gezogen worden.
Unter dem Druck der spanisch-christlichen und osmanisch-islamischen Verhältnisse sprechen die jüdischen Gelehrten nicht etwa die Unwahrheit, sondern die Wahrheit, wie die Torah sie uns überliefert hat.
Die talmudische Wissenschaft gesteht - mit der Festlegung der Mutterlinie fürs Judentum - dem Islam - dessen Stammvater Ismael/Yishmael! - das Erstgeburtsrecht zu.
Bereits Ezra tat dergleichen, als er die fremden Frauen, die die Entlassenen aus der Gefangenschaft Babylons nach Jerusalem mitgebracht hatten, zusammen mit ihren Kindern wieder zurückschickte.
Die Auflösung der Ehen und Familien durch die Männer Yehudahs und Benyamins sieht nach einem patriarchalischen Akt aus.
Tatsächlich aber wurde damit über Nachkommenschaft und Zukunft Israels entschieden; sie wird von den Müttern abhängig gemacht.
In der Torah entscheidet die Wahl des Mannes.
Eine geschlossene Ehe ist gültig; die Geschichte der Hebräer läuft davon über, daß die Söhne Abhrahams sich fremde Frauen nahmen, ohne ihre Wahl anzuzweifeln.
Aus der Sicht der Kinder waren diese Kinder Abhrahams beziehungsweise Kinder der Söhne Abhrahams legitime Nachkommen - unabhängig von ihren Müttern.
Nach der Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft aber entschied Ezra gemäß göttlichem Ratschluß, die Mütter zum Maßstab der Legitimität zu machen.
Von nun an gilt die Mutterlinie, die orthodoxe Literatur hat das immer wieder festgeschrieben.
Mit Ezra und durch ihn verliert das Patriarchat offiziell seine Autorität.
Betrachten wir unter diesem Blickwinkel die Familiengeschichte seit Abhram/Abhraham, so sehen wir freilich, daß die Entscheidung der Mütter - durch sie oder über sie - am Anfang der Geschichte stand.
Mit der Vertreibung Yishmaels und seiner Mutter Hagar wurde nicht nur das Erstgeburtsrecht der Vaterlinie verworfen.
Der Patriarch Abhraham gab seine väterliche Autorität auf.
Das Patriarchat geht auf Abhrams Erstgeborenen Ismael/Yishmael über.
Die Generationenfolge nach Yitzchaq/Isaak leitet sich von den Müttern ab: Sarah, Ribhqah...
Es gilt nicht mehr das faktische Erstgeburtsrecht, vielmehr entsteht aus der Mutterlinie die sogenannte Heilsgeschichte der Auserwähltheit.
Die Gott zugeschriebene Auserwählung trifft die Jüngeren und Jüngsten, die Lieblinge der Mütter und weichgewordenen Väter.
Das Schicksal Rachels und ihrer Söhne Joseph und Benyamin ist von besonderer Tragik.
Die Heilsgeschichte ist von Unheil begleitet, wenn sie nicht mit diesem identisch ist.
Benyamin wird den Israeliten zum Verhängnis, dem der von seinen Brüdern verachtete Joseph nur durch glückliche Umstände und die Hilfe fremder - ägyptischer - Götter entrinnt.
Es war eine Antwort auf die Verachtung, die Yaaqobh seiner Frau Leah und ihren gemeinsamen Kindern hatte zuteil werden lassen.
Beide Töchter Labhans, des heidnischen Götzendieners, sind aber die Stammütter Israels.
Was Ezra gutzumachen suchte oder gutzumachen von Gott verordnet bekam, war gar nicht mehr gutzumachen.
Es sei denn durch eine abschließende Heiligung mit geheimnisvollem Vergessen.
Die mystische Versenkung und Lebensbetrachtung begründet ganze Schulen von Schriftgelehrten und Abzweigungen im praktizierten Glauben.