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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2000-04-11

Unger Varnsdorf

Barfuß in Wien

Ich bin mir unheimlich

In der vergangenen Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum: Ich war in Wien, ja, in Wien, ich wußte es, obwohl der Traum mir keine näheren Angaben gemacht hat. Ich war halt in Wien. Bekannte hatten mich bei sich untergebracht. Ich wollte noch was besorgen und ging fort.

Unterwegs stelle ich fest, daß ich keine Schuhe anhab, daß ich barfuß laufe, ich vergaß meine Schuhe, will aber nicht zurückgehn. Ich gehe also barfuß weiter, es macht mir auch keine Schwierigkeiten, obwohl ich in Gedanken darauf achten will, mich beim Gehen nicht zu verletzen. Es ist dunkel, ich kann nicht sehen, wohin ich trete, fühle nur meine Schritte auf Steinen und Sand.

Indem ich es aufschreibe, fällt mir ein, daß "barfußlaufen" so etwas wie eine mythische Figur ist: daß wir "wieder barfußlaufen lernen" müßten. Eine Formel für die Erlösung aus dem "künstlichen" Leben in der "modernen Gesellschaft".

Ich lief also barfuß durch Wien, oder über Straßen und Fußwege, die, so wollte es der Traum, in Wien lagen, sich durch Wien und um Wien herum zogen. Und ich hatte ein Ziel auf diesem Weg, wollte, glaube ich, zum Bahnhof, zum Gepäckschalter des Bahnhofs, dachte, daß ich auch wieder zurück müsse, in die Wohnung jener unbekannten Bekannten, bei denen ich Unterschlupf gefunden hatte.

Bahnhofsträume haben sich schon oft eingestellt. Gleisanlagen, Gepäckabgabestellen, Bahnhofstoiletten, wo ich meine Notdurft verrichte und dabei den Zug verpasse. Ich weiß nicht, von welchem Bahnsteig "mein" Zug abfahren bzw. wo er halten wird. Von Bahnsteig zu Bahnsteig muß ich über Gleise steigen. Oft komme ich auf dem falschen Bahnsteig an. "Orientierungslosigkeit" ist das Stichwort, und ich muß mich tags vergewissern und alles aufschreiben.

Barfuß in Wien, das ist neu. Und neu ist: Hundeschlitten in der Stadt, neben oder unter einer Brücke, Hundeschlitten, die plötzlich aufgehalten werden. Als ob ich mitfahre. Ich sehe keine Menschen, nur die Hundemeute, der ich jetzt entgegengehe.

Die Hunde sind Schweine oder junge Bären an dünnen Stricken, die durch ihre Nasen die Tiere aneinander binden.

Die Fahrt durch die Stadt ist wild und blutig. Die Nasen der dunklen, nackten Bärenschweinehunde bluten. Sie müssen laufen, laufen, laufen, um ihre Fressen nicht zu zerreißen.

Die Karawane wird von einem Nilpferd angetrieben. Aus seinem Maul kommen Kutscherrufe an das zusammengebundene Rudel, der Treiber schlägt und fuchtelt mit einer langstöckigen Pferdepeitsche. Die angeseilten Höllenhunde verbeißen sich in ihre aufgesperrten Schnauzen.

Hinter dem Nilpferd taucht mit offenem Rachen ein zweites auf. Die Mäuler verhaken sich gefährlich ineinander, da entpuppt sich alles als ein Liebesspiel. Die peitschende Kuh wird von dem Bullen besprungen. Das Rudel mußte eine Reisepause einlegen.

Eine einfache Geschichte? So einfach, daß ich die Höllenfahrt, diesen Höllenausriß und Barfußlauf ins höllische Geschehen als eine Botschaft verstehen möchte.

Nach Kriegsende waren wir viel auf der Bahn, und die Züge fuhren unregelmäßig; auf Fahrpläne, wenn es sie überhaupt gab, war kein Verlaß. Wir lagen und hingen in Wartehallen, auf Bahnsteigen und vor den geschlossenen Abfertigungsschaltern herum. Wer damals seinen Gott nicht bei sich hatte, konnte im Innern und im Äußern verlorengehen. Ich kannte meinen Gott noch nicht, doch muß er ein Auge auf mich gehabt haben.

Aber ich will zu "meinem Gepäck", müßte "zurück", um die "vergessenen Schuhe" zu holen, mich "verabschieden". Wird das Geld reichen, wenn ich die Reise nicht abbreche?

Als ich "Ghettogeld" und Seidenpapier in meiner Brieftasche fand. Ich irrte durch die polnische Stadt, suchte den Bahnhof. Und steige in Teichstatt über die Gleise.

Die naseblutigen Tiere sind wahnsinnig und erschöpft, sie rasen um ihr Leben.

Die Höllenfahrt war kein Albtraum, ich soll darüber nachdenken, so verstand ich die Geschichte.

Der BÄR in der Sage vom HOAB. Die Sprache hilft von Marke zu Marke.

Welche "Figuren" ich damit verband: Nicht ausdrücklich "Nilpferd". Der Bär wird erwähnt. Eule und Papagei kommen vor, Raben treten in großer Zahl auf. Ein bösartiger Adler-Papagei wollte mich aus einer dunklen Stube vertreiben. Ein Rabe, Adler, den ich als Seelenboten erkenne: an seinen Bewegungen, dem rabentypischen Pendeln von einem Bein aufs andere. Der "Adler" tänzelte scheu und kokett wie ein Rabe.

Unten am Wasser der weißbärtige Alte, das Riesenbuch auf seinen Knien aufgeschlagen. Aufgeschlagene Knie, denke ich. Wasserfall, ja, "Wasserfall", es brüllte durchs Tal, wir waren mit dem Rad gestürzt. Am Bach wuschen wir uns die Wunden aus. "Jordan" bedeutet "Wasserfall". Auf dem "Wehr" am "Wasserfall" endete der Delphin als blutender Wolf.

Und wie es anfing: Am Himmel der fliegende Fisch, ein Delphin, der sich in zwei Fische teilt, einen größern, der den kleineren im Maul hat und wieder auszuwürgen scheint, und er stürzt, der große, oder beide als einer, der Delphin.

Delphinos, der Griechengott Apollon, auf dem Eisenzaun zum verblutenden, ausröchelnden Wolf geworden. Der Weißbärtige (der mit dem Buch am Wasserfall). Am Ende des Labyrinths diese Aussicht: Eine weiße Maske am Himmel, durch deren Augenöffnungen es blau herabschien. Das Negativ zum Lubliner Juden.

Die Vergangenheit wird Einkehr halten. Die Väter werden bei dir anklopfen. Wissen und Weisheit werden dich um eine Bleibe bitten.

Planeten sind einsam, doch nie allein. Du gehst dir entgegen, da du weiterziehst. Nie wirst du den Zug verpassen, wenn du dessen eingedenk bleibst. Du hast Anteil an Namen und Sprache.

WIEN - das ist eine Unterscheidung.

Unter "Flußpferd" lese ich: sehr großer und schwerer, fast unbehaarter, brauner Pflanzenfresser afrikanischer Binnengewässer, kurzbeiniger Dickhäuter, der mit den Schweinen verwandt ist; Syn. "Nilpferd". Paarung, Geburt und Säugen finden im Wasser statt.

Die Verwandtschaft des Nilpferds mit den Schweinen ist mir neu.

Sind jene Urviecher die Bravour-Gesellen des genetischen Wissens? Wie weit reicht es zurück, wenn uns solche Gestalten in den Weg geraten können?

Die Nilpferde brachten die Karawane zum Stehen, alles war nun versperrt, ich kam nicht zu meinem Gepäck, nicht zu meiner Geschichte. Auf einmal war alles anders, urig, dunkel, undurchsichtig. Eine verborgene Wahrheit tat sich auf, tierisch in ihren Erscheinungsformen und menschlich zugleich. Tiere, von Tieren versklavt, gebunden, zur Fron verdammt, das ist Menschenart - und Art der prähistorischen Götter.

Vielleicht hatte ich diese Begegnung: ich geriet in die Gottesfremde, in eine Welt fremder Götter, weltfremder Götter, die mir so fremd nicht waren. Ich hatte ihnen Namen gegeben lange vor ihrer Zeit, auch diesen: Hoab. Die Erkenntnis lebte auf in der "Wiederkehr des Nilpferds".

Erstmals sah ich "das Tier" lebendig.

"Hoab" aber ist nicht "das Tier". Hoab ist die wiederkehrende Erkenntnis, das Wissen der Väter.

Die Dunkelheit um den mythischen "Hoab" ist im Unwissen derer, denen die Augen verklebt sind.

Qimosh ist The New Qomish, ist die Erstehung des Feuers im Dornbusch.

Das ist nicht "komisch".

WIEN ist als geistiges Auge zu lesen.

Und die vergessenen Schuhe sind die vergessene Shoah. Es ist so. Ich kann es nicht ändern. War ich nicht auf dem Wege, sie mir wieder zu holen?

Die blutig gefesselten Steppenhunde reißen sich los.

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