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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1986-00-00
Kreuzworträtsel 08 senkrecht: Freiherrlicher Schönredner mit 3 plus 10 oder 11 Buchstaben.
Das regt in Deutschland die Leute an...
Die Preisfrage nach dem Unterschied zwischen Helmut Schmidt und Ronald Reagan.
Dabei ist die Lösung so einfach:
Der erstklassige Politiker Ronald Reagan war nur ein mittelmäßiger Filmdarsteller, während aus dem mittelmäßigen Politiker Helmut Schmidt ein großartiger Schauspieler geworden ist.
Zeugen geistigen Suicids waren wir wiederholt, jüngst in einem besonders tragischen Fall.
Der Nachruf in diesem Heft gilt jedoch keinem Selbstmörder, sondern einem Mann, der, ebenfalls anders als Wolfgang Pohrt, schon einige Tode gestorben und von ihnen wieder genesen war, als er ging, deren Ursachen freilich nie restlos geklärt werden konnten, obwohl von den Tätern nicht jegliche Spur abhanden kam.
Jemand legte Hand an die Barr-Smith-Library in Adelaide.
Zweifellos ein intellektueller Tötungsversuch.
An einer Universität müssen die Materialien, die in letzter Zeit im kuckuck veröffentlicht worden sind, auf ein angemessenes Fachinteresse stoßen, es sei denn, sie vermittelten Informationen und Interpretationen, die nicht genehm sind, so daß aus anderen als wissenschaftlichen Gründen dieser Faden abgeschnitten werden soll.
Da es sich in den kuckucksheften, die hier in Betracht kommen, ausschließlich um Materialien handelt, die NS-Kreisen beziehungsweise NS-Sympathisanten-Kreisen ärgerlich werden könnten, ist es in diesem Fall gestattet, entsprechende politische Schlußfolgerungen zu ziehen.
Welcher Zusammenhang besteht, so erwäge ich, zwischen der von Simon Wiesenthal offerierten Liste von in Australien untergetauchten NS-Kriegsverbrechern und der plötzlichen Kündigung des seit 13 Jahren fortlaufenden kuckuck-Abonnements?
Ein offensichtlich politisch motivierter Akt, wie er ähnlich bisher nur beim Wiener Museum des 20. Jahrhunderts vorgekommen ist.
Daß einer Universitäts-Bibliothek vom Range der Barr-Smith-Library in Adelaide ausgerechnet in dem Moment die Mittel knapp werden, da hier von organisiertem Antisemitismus, von einem politischen Bekenntnis zum verfolgten, diskriminierten und diffamierten Judentum die Rede ist, von einer nazistischen Kulturmafia und von den scheinwissenschaftlichen Versuchen, die These von der Unschuld der Nazis am Reichstagsbrand, die Alleintäterschaftslegende, national und international, wie mittlerweile bekannt wird, diskutabel und damit allmählich zur Grundlage einer allgemeinen Rehabilitierung des Hitler-Faschismus zu machen, daß genau in diesem Moment die Universitätsmittel für den ohnehin dünnen Informationsdraht von und zu den neueren Machenschaften nicht mehr zur Verfügung stehen sollen, und dies aus Gründen der Haushaltsführung, das mag glauben, wer will.
Ich glaube es nicht.
Wir wollen bloß keinem Streit aus dem Wege gehen.
Am kuckuck scheiden sich die Geister, nicht die Finanzen.
Australien ist näher, als die Längen- und Breitengrade uns vorgaukeln möchten.
Dennoch ist es nicht das gleiche, wenn zur selben Zeit die Deutsche Welle den kuckuck zurückweist.
Von einem deutschen Sender kann ich, nach allem, was da vorgefallen ist, kaum anderes mehr erwarten.
Mit Adelaide erhält diese ganze Geschichte jedoch einen neuen Akzent.
Denn der Herr schlägt die einen seiner Feinde mit Verstocktheit, die andern mit Blindheit.
Wem diese Erkenntnis vermessen erscheint, der kennt nur die wahnhaftigen Übergrößen noch nicht.
Etwa das Gleichnis vom barmherzigen Kommunisten...
Aber, aber.
Was hat Michail Gorbatschow mit dem Evangelium von Jesus Christus zu tun?
Aufgrund der jüngsten Ereignisse im nuklearen Zeitalter kann der Atheist Michail Gorbatschow mit dem Protagonisten in einem der beliebtesten Gleichnisse von Jesus identifiziert werden, das zutreffend in Das Gleichnis vom barmherzigen Kommunisten umbenannt werden könnte.
Das Gleichnis vom barmherzigen Kommunisten lehrt uns, daß Gott in einer Weise in unsere Welt einbricht, die unsere Erwartungen bei weitem übertrifft.
Hierzu kann man das sagen.
Das Gleichnis vom barmherzigen Kommunisten ist nicht neu.
Es ereignete sich während der kubanischen Raketenkrise, wobei in diesem Fall Präsident John Kennedy allerdings bereit war, seine Rettung und die der ganzen Welt durch den barmherzigen Kommunisten zu akzeptieren, der damals Nikita Chruschtschow hieß.
Wobei der Verfasser, ein nützlicher amerikanischer Theologe, ebensowenig an den Schlächter von Budapest dachte, wie an jenen von Afghanistan.
Zitiert habe ich nach den Blättern für deutsche und internationale Politik, Oktober 1986 (Pahl-Rugenstein Verlag Köln).
Mein Augenmerk richtete sich jedoch hauptsächlich zunächst auf einen anderen Beitrag im selben Oktober-Heft.
Der Historiker Hans Mommsen, in jüngster Zeit vor allem als prominenter Verfechter der Alleintäterschaftslegende um den Reichstagsbrand hervorgetreten, streitet diesmal jedoch nicht für, sondern gegen einen Revisionismus in der Geschichtsbetrachtung:
Fest, Hildebrand, Hillgruber, Nolte, Stürmer und die Entsorgung der NS-Vergangenheit.
Neues Geschichtsbewußtsein und Relativierung des Nationalsozialismus.
Bemerkenswert ist diese Janusköpfigkeit auch insofern, als die Blätter für deutsche und internationale Politik dem ideologischen Besitztum der Deutschen Kommunistischen Partei zuzurechnen sind.
Professor Mommsen wird immerhin, wie gesagt, im Zusammenhang mit der Gestapo-These von der Unschuld der Nazis am Reichstagsbrand genannt.
Edouard Calic schrieb:
Einen wütend argumentierenden Anwalt hat diese Geschichtsinterpretation in dem Historiker Hans Mommsen gefunden.
In seinem Eigenlob auf das von ihm mitverfaßte Piper-Pamphlet (FAZ, 16.4.86) richtete er einen Vorwurf an den Historiker Walther Hofer, der noch immer keine Neigung zeigt, sich der These von der "Alleintäterschaft van der Lubbes" anzuschließen, obwohl sich doch "einige herausragende Fachhistoriker, darunter Hugh Trevor-Roper, für dessen (Tobias') Auffassung ausgesprochen" haben.
Nun zeigt ja die Bezugnahme auf ausgerechnet diesen Historiker, wie schwach die Front der Revisionisten zu sein scheint.
Trevor-Roper ist uns noch in Erinnerung als jener "Experte", der im Verein mit den SS-Generälen Karl Wolff und Wilhelm Momke 1983 vor Millionen Fernsehzuschauern als Sachverständiger die Authentizität der sogenannten "Hitler-Tagebücher" bestätigte.
Wie nützlich diese Tagebücher für Trevor-Roper und ihm gleichgesinnte Historiker gewesen wären - hätte sie Hitler und nicht Kujau geschrieben -, ergibt die Analyse des Machwerks.
Die Fälscher verfolgten ganz offensichtlich den Plan, nun endlich, nach so vielen vergeblichen Versuchen, mit Hitlers Hand alle nationalsozialistischen Machenschaften als solche zu dementieren, auch den Reichstagsbrand, um der Öffentlichkeit ein persönliches Dementi des Führers in die Hand zu geben und alle Schuldzuweisungen - auch jene, die sich aus den Forschungsergebnissen des Internationalen Komitees Luxemburg zwingend ergeben - ein für allemal vom Tisch zu wischen (kuckuck 52, S. 29).
Die Alleintäterschaftslegende ist hier - im kuckuck - auch als ein "entspannungspolitischer Kompromißvorschlag", als eine "Annäherungsformel" verstanden worden.
Das neue Piper-Buch zur Verbreitung der Gestapo-These, die Nazis seien an dem Verbrechen nicht beteiligt gewesen, erhält einen Sinn, wenn man es als Teil einer NS-Kampagne in die gegenwärtigen Ost-West-Auseinandersetzungen einbettet (kuckuck 52, S. 143 ff.).
Mommsens Auftritt in den Pahl-Rugenstein-Blättern - in der Tat - "lehrt uns, daß Gott in einer Weise in unsere Welt einbricht, die unsere Erwartungen bei weitem übertrifft".
Mommsens Beitrag ist der erste in einer neuen Blätter-Reihe.
Die Blätter, so heißt es in einer redaktionellen Vorbemerkung, wollen sich jetzt mit dem neueren Geschichtsrevisionismus auseinandersetzen, der "neorevisionistischen (Habermas) Offensive der Fest, Hillgruber und Nolte".
Bei der Lektüre erhält man jedoch den Eindruck, daß Mommsen - und mit ihm die Blätter-Redaktion - einfach die Flucht nach vorn angetreten hat.
Das konservative Geschichtsbild der Bundesrepublik, das sich auf eine tausendjährige Geschichte beruft und von daher zu einem neuen Selbstverständnis zu kommen versucht, ist gewiß nicht von vornherein ein Gegenstand besonderen Interesses in Blätter-Kreisen.
Der Schlüssel zum Verständnis der dortigen Debatte steckt auch weniger in einem so oder so veränderten NS-Geschichtsimage, als vielmehr in der Furcht vor einer Aufarbeitung der jüngeren Geschichte und der damit zu erwartenden Aufklärung der historischen Rolle der Sowjetunion.
Das wird in den Beiträgen der Blätter immer wieder deutlich.
Die konservativen Historiker sind denn auch wohl nur als Vermittler der Totalitarismus-Theorie (Blätter-Redaktion: "Totalitarismus-Legende") ins Visier dieser Revisionismus-Erforscher geraten.
Um einer solchen Aufhellung der Geschichte vorzubeugen, ja sie zu verhindern, ist man in sowjetdeutschen Kreisen heute offenbar durchaus bereit, an der Rehabilitierung der Nazis - etwa via Reichstagsbrand-Gestapo-These - indirekt mitzuwirken, die NS-Entlastungstheoretiker ungeschoren zu lassen, sobald die nun ihrerseits die Bereitschaft erkennen lassen, an der Erhaltung der Saga von der so gut wie unbefleckten, jedenfalls immer gute und gütige Figur machenden Sowjet-Mama aktiv Anteil zu nehmen.
Dabei geht man ziemlich weit, wo die Wahrscheinlichkeit, die Zahl der Sympathisanten und Fürsprecher solcher Sowjetapologetik zu vergrößern, mit einer aktuellen politischen Umorientierung verbunden werden soll.
Man kommt sich näher.
Mommsen schreibt:
Von der zionistischen Position her, die den Antisemitismus als den allein entscheidenden Faktor für die Implementierung des "Holocaust" betrachtet, erscheint die Parallelisierung mit der Ermordung von sowjetischen Kriegsgefangenen und Zigeunern als problematisch.
Mit Recht kann darauf verwiesen werden, daß die Mordaktionen gegen Juden der irrealen Vorstellung vom "Weltfeind" entsprachen, der gegenüber interessenpolitischen Motiven, so sehr sie im ursprünglichen Antisemitismus und auch der Judenverfolgung vor 1938 mitschwangen, völlig untergeordnete Bedeutung beizumessen ist (S. 1204).
Ein sphinxartiger Satz, dieser letzte.
Je öfter, je genauer man ihn liest, desto klarer wird einem, daß Hans Mommsen mit seiner vielseitigen Anpassungsfähigkeit auch ein gefährlicher Mann sein kann.
Ernst Nolte ging hierin schon vor Jahren voran,
schreibt er an anderer Stelle,
indem er hervorhob, daß die Liquidierung von Millionen europäischer Juden kein Unikum der Weltgeschichte darstelle, sondern in universalgeschichtlicher Perspektive "relativiert" werden müsse (1200).
Relativiert da halt jeder nur auf seine Weise, oder will Mommsen sich, einstweilen unvermerkt, noch eine Option offenhalten, weil die Zeit politisch noch nicht völlig ausgereift, ja nicht einmal entschieden ist?
Wo ein Wissenschaftler plötzlich inkonsequent und unlogisch wird, hat dies gewöhnlich außerwissenschaftliche Gründe.
Bei Mommsen ist simpelste Politik im Spiel.
In der redaktionellen Vorbemerkung zum Mommsen-Aufsatz heißt es:
Die fast ausschließliche Konzentration auf die Judenvernichtung legt den fatalen Verdacht nahe, diese werde als der letzte Posten aus dem Sündenregister des NS-Systems betrachtet, der noch der moralischen Aufbereitung bedürfe - als ob Sklavenarbeit, Verfolgung und Ermordung der "slawischen Untermenschen", Vorbereitung und Durchführung von Angriffs- und Raubkriegen, Terror gegen politische Gegner und viele andere Schrecklichkeiten mehr, deren Aufzählung Seiten füllen würde, als ob diese Kapitel der Inhumanität bereits abgeschlossen, "bewältigt" seien... (1199).
Mit wem, bitte sehr, gehen die Blätter-Anwälte ins Gericht?
Dient ihre soeben anlaufende Auseinandersetzung mit den Wende-Konservativen lediglich als Vorwand für eine Abrechnung mit der "zionistischen Position"?
Eine weitere Annäherungsformel?
Wer vollzieht da die "Wende"?
Ein Jude hatte prinzipiell keine Chance.
Das unterscheidet die Judenverfolgung und -vernichtung grundsätzlich von den anderen Naziverbrechen.
Das sollte nicht immer wieder festgestellt werden müssen.
Aber das Zitat wird außerdem zur Blüte, wenn man bedenkt, daß außer der - exklusiven - Judenvernichtung alle anderen Verbrechen - Verfolgung, Versklavung, Entmenschung, Ermordung, Terror gegen politische Gegner "und viele andere Schrecklichkeiten mehr, deren Aufzählung Seiten füllen würde" - in derselben geschichtlichen Epoche eben nicht nur von den Nazis, sondern ebensowohl von den Sowjets begangen wurden, eine Zeitlang sogar von beiden gemeinsam; nämlich vom Herbst 1939 bis zum Sommer 1941.
In dieser Feststellung äußert sich keine neue Relativitätstheorie, kein NS-Entlastungsprogramm, sondern die geschichtliche Wahrheit über eine kriminelle Komplizenschaft.
Aber in der Abwehr und Verschleierung dieser Tatsachen äußert sich eben der ganz besondere Geschichtsrevisionismus sowjetischer Abart, der sich hier aus aktuellem Anlaß einer Form des NS-Geschichtsbild-Revisionismus anzunähern und anzuähneln scheint - in beiderseitigem Interesse: indem nämlich jede Seite die Untaten der andern Seite zu verschweigen verspricht.
Und genau das gibt den Vertretern der Totalitarismus-Theorie, die unter differenzierterer Betrachtung sicherlich nicht haltbar ist, im groben recht.
Denn wo mit der Würde des Menschen umgesprungen wird, wo der Einzelne kein Recht hat, wo sein Leben von der Gnade und der Barmherzigkeit (!) der Herrschenden abhängt, mit all den bekannten blutigen und tränenreichen Folgen, da ist nach Brecht und Benjamin das "grobe Denken" die einzige richtige Methode, da wird die "feinere" Sicht zum Verrat an den Opfern.
Ich verteidige hier nicht die Positionen der konservativen Historiker, die Mommsen und die Blätter im Auge haben, gegen diese; vielmehr relativiere ich den einen "Relativismus" im Vergleich mit dem andern.
Unverfroren erscheint mir allerdings, daß Mommsen sich da als Antirevisionist aufspielt, wo er doch mit seiner Reichstagsbrand-These viel schlimmere Folgen in Kauf nimmt, als von den konservativen Harmonisten jemals zu befürchten sind.
Mommsen nimmt nämlich den Nazis das Verbrecherische, das von seinen Ursprüngen abschaumhaft Kriminelle von den Kleidern, indem er den Reichstagsbrand zur Tat eines einzelnen erklärt und das Naziregime damit zu einem ersten Folgeopfer der irgendwie tragischen Tat.
In seinem Leserbrief auf den im Berliner Tagesspiegel (ohnehin schon auf Seite 31 zwischen Anzeigen versteckt) erschienenen Aufsatz von Jürgen Schmädeke (vgl. kuckuck 53, S. 23) hat Mommsen sich verraten:
Will Schmädeke eine Geschichtsschreibung, in der die Größen des Dritten Reiches mit dem Epitheton "Verbrecher" bezeichnet werden? (TS, 14 9.86).
Und ich dachte, darin wären wir uns immer einig gewesen!
Mommsen rehabilitiert somit zunächst die Trägerklasse des NS-Faschismus kollektiv, um sodann Schuld und Verantwortung im einzelnen zu relativieren, schließlich aufs ganze "Volk" umzuverteilen.
Da wird die Feigheit einer selbsternannten "Elite" zur Wissenschaft erhoben.
Und dieses Beispiel macht Schule bei der anderen selbsternannten "Elite" oder "Avantgarde", die sich ja ausrechnen kann, daß auch sie eines Tages zur Verantwortung gezogen werden wird - und wenn nicht vor der Geschichte, so wenigstens im kuckuck.
Jene neue Kollektivschuldthese wird nämlich jetzt gebraucht: zur Rechtfertigung der gegenwärtigen Politik des fait accompli nach Hitlerschem Vorbild gegen das Selbstbestimmungsrecht und die Souveränität der Völker, des jeweils sehr realen "Kollektivs".
Folgen wir noch einmal der redaktionellen Vorbemerkung zu Mommsen in den Blättern.
Seit Antritt der Wendekoalition häufen sich auf der Bonner Bühne die Bemühungen, einer Geschichtsbetrachtung zum Durchbruch zu verhelfen, die die zwölf Jahre der "Heimsuchung" (Helmut Kohl) relativieren und damit die Kontinuität der deutschen Geschichte glätten möchte, um eine "unbeschädigte Identität" zu produzieren.
Die Bitburger Inszenierung im vergangenen Jahr, bei der Opfer und Täter des Nationalsozialismus mit einer zum Skandal geratenen Geste der "Versöhnung" gleichgesetzt wurden, hatte einen Auftakt des Wendeprojektes bilden sollen, sich "vom Schatten Hitlers (zu) lösen" (Alfred Dregger).
Proteste im In- und Ausland sowie die maßlose Dreistigkeit des Unternehmens selbst hatten dazu beigetragen, daß dieser Vorstoß mit einem Debakel endete (vgl. Blätter, 5/1985, S. 517 ff.).
Doch die Sache ist nicht abgesagt, die politischen Zielstellungen sind unverändert.
Es geht darum, die unbequemen, den bundesdeutschen machtpolitischen Spielraum einengenden Rücksichtnahmen auf die NS-Zeit über Bord zu werfen, ja um eine nachträgliche Korrektur des Geschichtsverlaufs:
Deutschland, so soll suggeriert werden, habe in seiner antisowjetischen Frontstellung schon immer richtig gelegen - vor wie nach 1945.
Der Zweite Weltkrieg wird in dieser Sicht zweigeteilt und die Ostfront gleichsam zur Vorgeschichte der NATO-Gründung verklärt, der sich die Westalliierten nach Korrektur der diesem Denken als widernatürlich erscheinenden Antihitlerkoalition reumütig angeschlossen hätten... (1198).
Das sehen wir uns jetzt mal genauer an.
Da ist zunächst festzustellen, daß es gerade die sowjetische Propagandasicht ist, die NATO-Politik als eine Fortsetzung des Hitler-Krieges gegen die Sowjetunion darzustellen; daß gerade in dieser Sicht der Zweite Weltkrieg zwei-, ja dreigeteilt wird, am liebsten erst mit dem Überfall auf die Sowjetunion beginnt.
Eben diese Methode ermöglicht es, ich wandle das mal ab,
die unbequemen, den sowjetischen machtpolitischen und vor allem propagandapolitischen Spielraum einengenden Rücksichtnahmen auf jene frühe Kriegszeit über Bord zu werfen, ja eine nachträgliche Korrektur des Geschichtsverlaufs vorzunehmen:
Deutschland, so soll suggeriert werden, habe in seiner prosowjetischen Frontstellung - ob gegen Polen, ob gegen den Westen - schon immer richtig gelegen - vor 1941 wie nach 1945.
Damit soll in erster Linie die Kontinuität der Sowjet-Geschichte "geglättet" werden, die antifaschistische "Identität" der Sowjetmacht unbeschädigt erhalten bleiben.
Das Bitburg-Theater hatte eine bisher nicht beachtete Funktion: Mit seinem Besuch auf dem Friedhof nahm Reagan den deutschen Rechtsradikalen Wind aus den Segeln.
Die Sowjets wissen das sehr genau.
Der politisch, wenn auch nicht werbetechnisch, mehr oder weniger soliden Kohl-Regierung wird ja doch permanent "Verrat an der deutschen Sache" vorgeworfen, weil sie nach den dreizehn Jahren Wende die sehr vernünftige Bündnispolitik mit den USA wieder konsequenter fortführt.
Der massive Druck gegen die politische Vernunft geht hierzulande vornehmlich von denselben rechtsradikalen, alt- und neofaschistischen Kräften aus, die in ihrem gegen den "jüdischen" Westen geführten, auch nach 1945 kaum unterbrochenen Hetzkrieg sich seit langem mit der "antifaschistischen" USSR eng verbunden wissen.
Da winkt ihnen nämlich Vergebung, die sie im Westen sich nicht einmal erträumen können.
Wenn es eine Restauration gibt, so sind es die Versuche, auf diesem Wege das Bündnis zu knacken, die Demokratie abzuschaffen, diktatorische Zustände unter welcher Farbe auch immer auch in Westdeutschland einzuführen.
Wenn es eine Wende gibt, so ist es die zur Bereitschaft in den etablierten Parteien, diesen Schwindel mitzumachen.
Diese Wende, mit welcher die europapolitischen Interessen der Sowjetunion vollauf befriedigt werden könnten, wurde durch die Bundestagswahl vom 6. März 1983 aufgehalten.
Sie konnte aufgehalten werden, weil der Souverän der Bundesrepublik eine solche Wende mehrheitlich nicht wünscht.
Darauf beruht auch die Diskrepanz, von der Klaus Naumann, einer der Blätter-Redakteure, spricht:
Die Konjunktur von Zukunftsbildern und Visionen in allen politischen Formationen signalisiert ein Gespür dafür, wie tiefgreifend und folgenreich die hier und heute zu treffenden Entscheidungen für die weitere Entwicklungsperspektive dieses Landes (und darüber hinaus, angesichts seines politischen Gewichts in Europa) sind.
Doch die aktuellen Kräftekonstellationen, die Wahlrituale und tradierten Konsenszwänge einer vorwiegend parteiförmig strukturierten Politik ("Parteienmonopol") hindern daran, politisch freizusetzen, was an z.T. weitausgreifenden, tragfähigen, zumindest aber erprobungsbereiten Alternativen seit Jahren akkumuliert und durch die außerparlamentarischen Bewegungen ins öffentliche Bewußtsein gehoben ist.
Der Zerfall des alten Grundkonsenses in Sachen Frieden und Sicherheit, Ökologie, Energie und Wachstumspolitik ist begleitet von der Formulierung der Elemente eines neuen Konsenses.
Die Meinungsführerschaft, die die Bewegungen in der Öffentlichkeit mit solchen Themen errungen haben, steht nach wie vor in auffälligem Kontrast zur Schwerfälligkeit des bisherigen Bonner "Drei-Parteien-Systems", auch wenn sich dort inzwischen recht unterschiedliche Sensibilitäten beobachten lassen (1166 f.).
Was den Sachgehalt betrifft, ist die Analyse wohl richtig.
Zweifellos steht die "Meinungsführerschaft" in "auffälligem Kontrast" zum politischen Willen der großen Mehrheit im Lande, ja zur Demokratie.
Vor allem aber breitet sich jene "Meinungsführerschaft" ohne jede ernstzunehmende Konkurrenz im ganzen Lande aus.
Wenn die ökopaxistische Wende durch eine CDU-Mehrheit gebremst werden konnte, so steckt in dieser Tatsache zugleich nämlich das Handicap.
Dies hängt mit der Einordnung der politischen "Lager" abseits der CDU - also SPD, Grüne, Ökopax usw. - nach "links" und der CDU selbst als "rechts" zusammen.
Wenn man von diesen Etikettierungen einmal absieht und sich den politischen Inhalten zuwendet, so wird man sehr bald finden, daß die CDU gegenüber jener bunten Ökopax-Front keine "rechte", sondern eine geradezu - natürlich relativ - linke Politik macht.
Dies wiederum hängt mit der schlichten Tatsache zusammen, daß aus der früheren Linken, sagen wir: der der sechziger Jahre, mittlerweile eine bis auf wenige innere linke Mißverständnisse eher rechte, ja faschistoide, vor allem aber regressive, reaktionäre, wachstumsfeindliche, katastrophenfixierte zukunftsgeängstigte Kleinbürgerbewegung geworden ist.
Die ihr innewohnende Menschenfeindlichkeit (Ökopropagandaslogan: "Die Natur braucht uns nicht, wir brauchen die Natur"), tief verwachsen mit der reaktionären Verachtung demokratischer Entscheidungsprozesse, macht aus der ihr nun im Wege stehenden christlich-demokratischen Position eine nachgerade progressive, optimistische, die Zukunft nicht fürchtende, sondern packende Perspektive.
Daß dies so ist, daß es, um es ganz deutlich zu sagen, links von der CDU, was die politischen Inhalte betrifft, gar keine organisierte, ja nicht einmal eine artikulierte Politik mehr gibt, das ist, wie sich noch zeigen wird, ein ebenso skandalöser wie gefährlicher Zustand.
Denn daß die CDU mit dem, was sie momentan zu leisten hat, überfordert ist, das hat Naumann sehr richtig beobachtet: an den "inzwischen recht unterschiedlichen Sensibilitäten" in allen Parteien.
Imgrunde haben wir es in der Bundesrepublik nicht mehr nur mit einer "grünen" Partei zu tun; vielmehr hat sich das "Grüne", Ökopaxistische, überall eingenistet, dabei haben die Medien vermittels jener "Meinungsführerschaft" (beziehungsweise diese "Meinungsführerschaft" vermittels der Medien) kraftig mitgeholfen, wenn nicht den Ausschlag gegeben, so daß wir eigentlich nur noch von mehr oder weniger "grünen" Parteien sprechen können.
Der Kulturpessimismus hat sie allesamt irgendwie angesteckt.
Daß dies unter massivem außenpolitischen Druck geschah, verschwindet hinter dem Feuerwerk "friedenspolitischer Notwendigkeiten".
Diese Zusammenhänge bedürfen der Aufklärung.
Es geht um die Eröffnung einer Perspektive, die sich mit Bedacht wieder progressiv, optimistisch und zugleich demokratisch, in ihrem Herzen letzten Endes revolutionär nennen könnte.
Eine demokratische Linke in Europa, die sich weder blenden läßt noch selber blind macht, hat es ja nun wirklich leicht, den richtigen Orientierungspunkt für eine vernünftige Politik zu finden: es sind die unterdrückten Bürgerrechtsbewegungen in den Ländern des politischen Ostblocks.
Die Erinnerung an den ungarischen Aufstand 1956 könnte ein erhellender Anlaß sein, die europäische Situation von neuem gründlich zu überdenken.
Die ökopaxistische Reaktion kann nur von links überwunden werden.
Weder die CDU noch neuere Versuche mit "Patrioten", "Europäischer Arbeiterpartei" o.ä., deren theoretischer Hintergrund zwar zum Teil ordentliche Sachdarstellungen und zutreffende Analysen liefert, aber im kulturpolitischen Programm bereits einen eigenen, zumindest im Stil sich bemerkbar machenden kleinen Teufel bei sich hat, bieten eine dauerhafte Alternative zum Ökopaxismus.
Es geht um die Entideologisierung von "Umweltschutz" und "Friedenspolitik".
Hysterisierende Kampagnen haben die Probleme eher verharmlost und gegen sie immun gemacht.
Daß sich all diese Fragen nur "progressiv" beantworten lassen, muß und wird allmählich klar werden.
Neue Technologien werden schließlich auch die atomare Gefährdung nachhaltiger beseitigen als der Rückfall in früh- oder gar vorindustrielle Epochen.
Daß es schließlich Gefahren für den Frieden gibt, wird hier nicht bestritten; aber die sogenannte Friedensbewegung ist kein Mittel gegen die Gefahren, sondern ein Instrument der organisierten Friedensgefährdung, mindestens des Kalten Kriegs.
Damit kommen wir auf die Sowjetunion zu sprechen.
Die Aktionen und Operationen der Sowjets sind intelligenter geworden, sind seit einiger Zeit von einer neuen, höheren Qualität.
Es sind qualitative Sprünge zu registrieren.
Nach meiner Einschätzung: Tschernobyl.
AtomUBoot-Versenkung vor der amerikanischen Küste mit kaum berechenbaren Aussichten, einer in 6000 Meter Meerestiefe verankerten, jederzeit aktivierbaren Zeitbombe im internationalen Nervenkrieg.
Während der Osten dem Westen immerfort Angst machen muß, wenn er etwas erreichen will - Novosti/Falin in einem Spiegel-Gespräch (43/86):
Die Vorwarnzeiten für die Europäer sind so verkürzt, daß sie praktisch jede Minute mit einer Katastrophe rechnen können,
muß der Westen dem Osten die Hoffnung auf Freiheit und Menschenrechte lebendig erhalten.
Die sogenannte Entspannungspolitik hat für den Westen einen Sinn mit dieser Chance.
Die ständige öffentliche Erinnerung an die sowjetische Selbstverpflichtung zum Respekt vor dem Menschenrecht in der USSR und ihren Satellitenstaaten ist eine Hauptaufgabe korrekter und seriöser Friedenspolitik.
Die Sehnsucht der Russen nach Frieden ist unausgesprochen ein Wunschkatalog an den Westen, ist Sehnsucht nach Amerika, nach amerikanischen Verhältnissen, nach Demokratie, Rechtsstaat und Wohlstand in Freiheit.
Amerika ist im Bewußtsein der Russen ein größeres Land, eine größere Hoffnung, ein weitaus größeres Versprechen, als sie offen zugeben dürfen.
Die Bedeutung Amerikas ist in hohem Maße ein russisches Traumkind, ein Kind der Verheißung des Gelobten Landes, des Unerreichbaren, das gleichwohl existiert.
Die Menschen in der USSR leben in diesem Friedenstraum, in ihm machen sie Politik.
Das ist keine bloße Annahme.
Wer sich vom Seelen-Bewußtseins-Zustand der Russen ein Bild machen will, braucht nur die Zeitschrift "Sowjetliteratur" zu lesen, und wenn er sie nicht lesen kann, weil sie ihn langweilt, so sollte er es sich zur Pflicht machen, sie wenigstens durchzublättern, sporadisch sich ansprechen zu lassen, sie mit der Zeit kennenzulernen, um schließlich zu erfahren, daß es in der Frage der Verständigung mit den Sowjets Schwierigkeiten gibt, die über Inhalte des Denkens, der Vorstellungen, der Politik weit hinausreichen beziehungsweise vor sie zurückgehen.
Die Lektüre - staatlich abgesegneter - russischer Gegenwartsliteratur verleitet unter eine Glocke, in ein unerklärtes Tiefdruckgebiet, das sich nur psychologisch begreifen läßt.
Die Einweisung von politischen Abweichlern in psychiatrische Kliniken ist eine widersinnige Reaktion auf diesen Sachverhalt: als ob die Krankheit sich der Gesundeten annimmt, um deren Zustand zu ergründen.
Wenn die Beobachtung in Kunst und Literatur exemplarisch ist für ein allgemeineres Bewußtsein, so ist dabei auch an mögliche kollektive Auswirkungen zu denken.
Depressive Traumphantasien lassen sich in der Literatur, in der Malerei, in der Filmkunst nachweisen.
Stefan Zweig hat in seiner Schachnovelle die Schizophrenie des introvertierten, systemimmanenten Denkens sichtbar gemacht.
Der sowjetische Wahn ist vielleicht ein althergebrachter russischer Wahn.
Projektionismus und pragmatische Vernunft versprechen ein gefährlich brisantes Gemisch.
Dostojewskis Menschen sind in ihrer selbstzerstörerischen heiligen Bosheit und Güte wie eine Verheißung und wie ein Verhängnis zugleich.
Wenn Menschen, die im Westen als normal, als gesund und vernünftig gelten, im Osten für verrückt erklärt werden, weil die - nach westlichen Maßstäben - Verrückten dort die geistigen Normen bestimmen, dann haben wir es mit einem Antagonismus zu tun, der nicht bemäntelt werden kann, sondern ausgetragen werden muß.
Und wenn es in der russischen Geschichte befreiende Momente gab, so war der Große Vaterländische Krieg und der lichte Sieg über den Hitler-Faschismus ein Akt und ein Symbol der Befreiung schlechthin.
Ein realer Akt, der freilich zum bloßen Symbol verkommen ist, weil die Erfüllung sich aufs Versprechen reduzierte, das schließlich hinter den Panzerglasscheiben der Museumsvitrinen verschwand.
Rußland macht den Frieden zu einem Fetisch, den es beständig beschwört, der es aber schließlich doch in den Krieg führen muß, damit es frei werde von Fetisch, Albtraum und Aberglauben.
In Rechnung zu stellen ist, daß die sowjetische Intelligenz dies ebenso weiß wie die russische Intelligenz, und daß die tiefe Angst der einen vor der Courage der andern die Geschichte in dem Maße verzögert, wie sie sie voranzutreiben scheint.
Das Urbild der Befreiung ist der Krieg, nicht die sogenannte Oktoberrevolution, die letztlich nur ein mythisierter Staatsstreich gegen die Republik war, die Revolution der Befreiung also rückgängig machte.
Die Revolutionsgeschichte ist dem Volk in Klarheit kaum bekannt.
Für den offenen Befreiungskrieg scheint es keinen Ersatz zu geben.
Der terroristische Kleinkrieg ist selber ein Traum und ein Alb.
Die Wahrheit müßte sich von innen her entfalten, aber die Unterdrückungsmechanismen sind bis heute so perfekt handhabbar, daß ihre Zerstörung auf diesem Wege kaum denkbar erscheint.
Da der terroristische Kleinkrieg in seiner innigen Verflechtung mit irrlichternden Propaganda-Epidemien sich also als Krankheitssyndrom, nicht als eine erfolgversprechende, brauchbare Therapie erweist, und da schließlich der offene Krieg im Hinblick auf seine Folgen wahrscheinlich noch enttäuschender würde als der vorige, könnte man die Aufmerksamkeit nun endlich den Ursachen des Leidens zuwenden.
Und da das Beklemmende an allem die als "System" organisierte Sterilisierung und Mumifizierung der Wahrheit ist, bleibt nur noch ihre intelligente, weise Wiederbelebung und Erlösung zu bedenken.
online-Fassung
kuckuck 54
1986
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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