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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

Erschienen in dem Buch:
Yael Kokhaviv, Pädagogische Gedanken und Erzählungen
Die Weiße Reihe. Berlin: kokhaviv press, 2000.

Jüdische Pädagogik & Kunst als Konflikt

Ein Gespräch mit Yael Kokhaviv

S'KJI: Was ist jüdische Pädagogik, gibt es sie in der Praxis überhaupt, und in welcher Beziehung steht sie dann zu den bildenden Künsten?

YAEL: Jüdischen Kindern soll eine jüdische Identität gegeben werden. Durch die Riten, die mit den einzelnen Feiertagen verbunden sind, und deren geschichtlichen Hintergrund setzen die Kinder sich schon sehr früh mit den Fragen auseinander: "Was ist ein Jude?" "Bin ich ein Jude?" "Wer oder was ist Gott, existiert er überhaupt?" Sie erleben ein "Wir-Gefühl", das besonders in der Diaspora für Zusammenhalt sorgt. Der Umgang mit der Kashrut (den Speisegesetzen) und das Sprechen der Brachot (der Segenssprüche), Kennenlernen und Benutzung ritueller Gegenstände (Kippot, Tallit usw.) im Kindergarten- Alltag, das alles wird zu einer Selbstverständlichkeit. Auf dem Wege der Kindererziehung finden die Eltern oft zu ihren Ursprüngen zurück. In der Torah, in den Zehn Geboten heißt es: Du sollst dir kein Bildnis machen... (Shamoth/2.Buch Mose 20,4 und Devarim/5.Buch Mose 5,8). Unvorstellbar: eine Erziehung ohne Kunst, ohne Bildmaterial. Kinder im vorschulischen Alter können noch nicht lesen, also muß ich ihnen mit Zeichnungen, Bilderbüchern, Spielen usw. ihre nähere und weitere Umgebung verständlich machen. Sie selber setzen sich mit Gefühlen und Schwierigkeiten malend, zeichnend und gestaltend auseinander. Ein Prozeß, der von Anfang an gefördert werden muß, damit das Kind seine Probleme ausleben kann. Läßt man ihm die Möglichkeit, sich künstlerisch frei zu entfalten, muß der Erwachsene nicht mehr Hilfestellung leisten. Auch in der Wiederholung - Kinder malen wochenlang das gleiche Motiv, genauso wollen sie immer wieder dasselbe Märchen hören - erreichen sie einen Punkt, an dem sie bisherige Identifikationsfiguren nicht mehr benötigen. Sie sind darüber hinausgewachsen. Jetzt wechselt der "Held". Neue Konflikte entstehen, die wiederum ihre Zeit brauchen, um verstanden zu werden.

S'KJI: Das jüdische Bilderverbot impliziert bereits den Konflikt. Ist dieser Konflikt nun spezifisch jüdisch, so daß sich nur Juden davon betroffen fühlen müssen, oder ist die Definition "Kunst als Konflikt" von allgemeinerer Gültigkeit?

YAEL:Ich denke, dieser Konflikt ist allgemein gültig. Er ist Ausdruck eines Selbstwerdungsprozesses. Ich male, was ich nicht kenne, noch nicht beschreiben kann. Meine Stimmung sucht die Farben aus, auch die Maltechnik ist heute eine andere als gestern. Ich probiere und experimentiere. Aber was passiert mit dem Motiv, warum wähle ich dieses und nicht jenes? Ich soll mir kein Bildnis machen... - und doch gibt es unzählige Künstler seit Jahrhunderten. Ein neues Kunstwerk ist eine neue Schöpfung. Bevor ich male, bin ich sehr angespannt, ich bekomme Lampenfieber, nach dem ersten Pinselstrich löst sich die Spannung, und ich arbeite drei, vier Stunden. Danach stellt sich eine gewisse Zufriedenheit, aber auch Ernüchterung ein, der Applaus der Farbtupfer ist verstummt. Solange ich daran arbeite, lebt das Bild, noch kann ich mich in das Geschehen einmischen, der kleinste Strich verändert das Schattenspiel, die Perspektive. Am Ende übergebe ich das Bild dem Betrachter. Du sollst dir kein Bildnis machen... - das habe ich nach einer langen Erkrankung erkannt, ich sah mich plötzlich meinen vielen abgehakten Problemen gegenüber, sie kamen auf mich zu, diese Farben, diese Formen. Als wollten sie mir den Krieg erklären. Hier stehen wir, du hast uns preisgegeben, deine geheimsten Wünsche und Gedanken. Wenn das "Bildnis machen" aber ein "Gesundungsprozeß" ist, an dessen Ende ich zu der Erkenntnis gelange, daß ich mir "kein Bildnis machen soll", dann ist das eine Erfahrung, die ich machen mußte, keine, die ich umgehen konnte. Das "Bildnis machen" tut not. Soll ich nicht zu neuen Erkenntnissen kommen? Sollen wir wie Adam und Eva im Paradies leben, bevor sie von jenem Baume aßen? Dieses Verbot ist ein Versuch, den Menschen vor dem Erwachsenwerden zu bewahren, ihm die Kindheit zu erhalten. Es gibt zum Malen und Zeichnen nur eine Alternative: das Schreiben.

S'KJI: In der jüdischen Kindererziehung spielen die jüdischen Feiertage eine wichtige Rolle. Wie wird das zelebriert?

YAEL: Geschichten werden erzählt, Lieder gesungen, kleine Theaterstücke zu den biblischen Berichten einstudiert, es wird gemalt und gebastelt. Die historischen Hintergründe der Feiertage werden dargestellt und erklärt und mit Hilfe von Symbolen jedes Jahr in Erinnerung gebracht. Abschluß und Höhepunkt bildet jeweils das gemeinsame Fest in geschmückten Räumen mit dem rituellen Teil, mit Tanz und Gesang. Wiederholungen sind etwas Natürliches. Jedes Jahr kehren alle Feiertage, alle Geburtstage, alle Jahreszeiten wieder. Jedes Jahr stellen die Kinder andere Fragen, man kann auf dem "vergessenen" Wissen aufbauen.

S'KJI: Der Begriff "Jüdische Erziehung" setzt eine nichtjüdische Erziehung gewissermaßen voraus. Die moderne Gesellschaft begreift sich heute als "multikulturell", was ja in der Erziehung seinen Anfang nimmt. Jedes pädagogische Konzept versteht sich aber zugleich als beispielhaft und grundsätzlich gültig auch für andere, das heißt, daß imgrunde jede Art von Erziehung für sich in Anspruch nimmt, die richtige zu sein. Das schafft Konflikte, zumindest potentiell, aber doch in einem Sinne, daß es zu Antagonismen kommen kann; noch genauer: die Antagonismen sind latent vorhanden, werden täglich anerzogen, indem jeder Erzieher und jede Erzieherin tun, was sie für richtig halten.

YAEL: In unserer jüdischen Kindertagesstätte gibt es Erzieher unterschiedlichster Herkunft. Sie kommen aus den russischsprachigen Ländern, aus Israel, aus Spanien und aus Deutschland. Die meisten sind Juden, einige Christen oder/und Atheisten. Jeder bringt aus seiner Familie, aus seinem Herkunftsland eine andere Sozialisation, zum Teil auch andere Traditionen mit, die sich ergänzen können. Jeder hat in seinem Land eine andere Ausbildung genossen, die hier in dem pädagogischen Bereich mit anderen zwangsläufig zusammenprallen muß. Autoritäre oder weniger autoritäre Erziehungsstile mit oder ohne Konzept laufen nebeneinander her, wobei durchaus jeder richtige und wichtige Ansätze mit einbringt. Jedes Kleinkind, jeder Säugling hat eine Persönlichkeit, ist ein Individuum mit Eigenheiten und Eigenarten, die respektiert werden müssen, ohne dem Kind die Anleitung zu verweigern. Die erzieherische Kunst ist es, seine Entwicklung zu begleiten, zu führen, bei gleichzeitiger Achtung vor dem Kind. Auch für das Kleinkind gilt "learning by doing"! Achtung und Respekt vor dem Kind gehen der Achtung vor den Eltern voraus. Es reicht nicht, das Kind mit Essen und Kleidung zu versorgen. Es braucht außer Zuneigung und Liebe Anerkennung und Vertrauen. Vertrauen ist die Basis für eine erfolgreiche Erziehung. "Bestrafung" ist eine Demütigung des Kindes, nicht selten ein Zeichen "erwachsener" Unsicherheit. Demütigungen kränken die Seele, stören das Selbstbewußtsein. Nach dem Gesetz gibt es freilich auch gerechte Strafen.

S'KJI: Wie vertragen sich jüdische und christliche und islamische Erziehung miteinander? Ihre gemeinsame monotheistische Wurzel müßte die Unterschiede eigentlich erträglich machen. Aber die Geschichte hat allein das Christentum mehrmals geteilt, so daß von einer christlichen Erziehung gar nicht mehr gesprochen werden kann. Die kirchlichen Kindergärten und Schulen sind letztlich Anhängsel ihrer Mutterkirchen. Die katholische Erziehung ist von der evangelischen wie auch der russisch- oder griechisch-orthodoxen Erziehung streng zu trennen. Die Geschichte des Christentums zeigt da einen Differenzierungsprozeß auf, der einem historischen Gesetz zu folgen scheint.

YAEL: Die Grundvorstellung von Erziehung könnte für all diese Religionen gültig sein. Die zehn Gebote gelten für alle, aber wie werden sie ausgelegt und bewertet? Mein Hinweis, eine illustrierte Bibel sei sofort als christliche zu erkennen, wurde von evangelischer Seite zurückgewiesen. Ich mußte mir sagen lassen, daß die Protestanten in ihren Kirchen sich wie die Juden und Moslems an das Bilderverbot hielten. Allein die Katholiken hätten Bildnisse von Jesus, Maria und anderen Heiligen aufgestellt.

S'KJI: Der Ikonenkult der christlichen Orthodoxie kommt hinzu.

YAEL: Der Einwand hat für die Zeit der Reformation und die fol-genden Jahrhunderte durchaus seine Berechtigung. Lutheraner, Calvinisten, die britischen Puritaner und zahlreiche nordamerikanische Sekten sind hier anzuführen. Aber in bezug auf die heutige Zeit kann ich dem nicht zustimmen. Ich hege sogar arge Zweifel, ob die Evangelische Kirche den alttestamentarischen Boden nicht längst verlassen habe. "Hamburger Ehe" und die mit Bildwerk verkitschte "Gute Nachricht"-Literatur ("Bilderbibeln", "Illustrierte Bi-beln") der Deutschen Bibelgesellschaft sowie starke feministische Tendenzen, die ihrer Natur nach heidnisch und antijüdisch sind, sprechen für sich. Von der kirchlichen Mitverantwortung für den "pränatalen Megamord" ganz zu schweigen.

S'KJI: Es schließt auch sogenannte Links- oder Reformkatholiken im Umkreis von Publik-Forum, Dissidenten wie Drewermann usw. ein. Differenzierungsprozesse sind Lernprozesse, was die Pädagogik wiederum unmittelbar berührt. Wir sehen aber nun, daß mit ihnen eine substantielle Auflösung einhergeht. Auch das Judentum ist davon betroffen. Im Grunde hat ja jeder Jude sein eigenes.

YAEL: Innerhalb einer Kindertagesstätte findet man so viele Richtungen wie Erzieher. Es verbindet sie zwar ein gemeinsames Konzept, nämlich jüdische Erziehung, ein Gerüst, um das sich verschiedene Ansichten über die Vermittlung jenes Konzeptes bewegen. Bei immer wieder auftretenden Differenzen kann man sich aber auf das Judentum, auf die Torah berufen. In städtischen Kindergärten kann man das nicht.

S'KJI: Obwohl die auch ihre Ideologien haben. Gerade in Norddeutschland, besonders in Berlin, gibt es eine neue Religion: den Feminismus, den Ökologismus. Heidnische Auffassungen sind an städtischen Kindergärten eher durchsetzbar als christliche, jüdische oder islamische. Die werden als "fremd" oder als "andere Kultur" abgewiesen. Es lassen sich gewisse Idiosynkrasien oder Allergien beobachten.

YAEL: Sie stellen sich immer als Atheisten dar, die sich nicht von Religiösem beeinflussen lassen. Denn in deren Augen sind nur schwache, manipulierbare Menschen religiös. Sie verkennen, daß ausgerechnet sie aber sich "Ersatzreligionen" suchen, sei es in der Waldorf- oder Montessori-Pädagogik, wo doch der sich eigenständig entscheidende Mensch nicht erwünscht ist.

S'KJI: Fragen der Autorität stehen im Raum. Im Monotheismus ist Gott die einzige Autorität. Dem hat sich alles und jedes zu beugen, der mündige Mensch nicht mit Kopfnicken, sondern möglichst durch Erkenntnis. Eine Geschichte innerer Aufspaltungen läßt sich auch im Judentum und im Islam beobachten. Judentum und Islam haben am Monotheismus konsequenter festgehalten als das Christentum. Aber auch bei ihnen haben mystische Bewegungen den Kerngedanken in Frage gestellt und einen Heiligenkult installiert, der den "besonderen" Menschen - ob als "Zaddik" oder als "Sufi-Meister" - an die Stelle Gottes rückt. Der Gedanke des Einen Gottes ist ursprünglich ein Gedanke der Freiheit, beginnend mit der Befreiung aus der ägyptischen (Vielgötter-) Sklaverei. Die Gesetzesidee vom Sinai schließt jeden Menschen ein und schafft somit Gleichheit vor Gott und seinem Recht.

YAEL: Die "Zaddikim" und "Sufimeister" schieben sich "dazwischen": Der Mensch wendet sich nicht mehr direkt an Gott, wie er es als mündiger Bürger tut, denn vor Gott muß er die Verantwortung für seine Taten übernehmen, sondern er geht zu "seinem Heiligen", der ihm die Last von den Schultern nimmt, ihm aber auch sagt, was er zu tun und zu denken habe.

S'KJI: Damit aber wird der - doch sehr moderne - Gleichheitsgedanke neutralisiert, der die Erziehung zur Freiheit eine ganz und gar jüdische Angelegenheit sein läßt. Denn nirgendwo sonst haben wir so stark das Pochen auf Gesetz und - daraus folgend, nämlich dem Gesetze gehorchend - den Gedanken der Befreiung durch das Gesetz. Auf die Kernidee zurückkommend, stehen wir eigentlich nur noch vor der Frage: Freiheit oder Sklaverei.

YAEL: In der Purimgeschichte, dem Buch Esther wird deutlich, daß wir uns nur vor Gott zu verantworten haben. Mordechai, der Jude, weigert sich, sich vor dem Minister Haman zu verbeugen. Eine Geschichte, die den Kindern schon im Vorschulalter klarmachen soll: Laß dich nicht einschüchtern, bleib fest in deiner Religiosität. So wird, im Falle Haman, der Judenverfolger vernichtet. Das Gottvertrauen gibt Mordechai die Kraft, sich die Freiheit zu nehmen, einem Vorgesetzten den Gehorsam zu verweigern. Mit Inbrunst spielen Kinder gerade diese Geschichte, indem sie ausrufen: "Ich verneige mich nur vor Gott!"

S'KJI: Nun wird aber gerade die Orientierung an Gottes Gesetz als äußerst einengend und bedrückend empfunden und auch gesellschaftlich offen erlebt. Israel macht diesen Konflikt, der aus nichts anderem als der unterschiedlichen Beziehung zum "Gesetz" resultiert, dramatisch durch. Die "weltlichen" Juden wollen sich von der Bevormundung durch die "Frommen" oder "Schwarzen" freimachen, während es diesen ein Greuel ist, mitansehen zu müssen, wie das moderne Israel in seinen Metropolen, allen voran Tel Aviv, zu einem gottlosen Babylon verkommt. Woran es den einen mangelt, davon ist bei den andern womöglich zuviel des Guten. Die Einmischung der Religion in die Politik ist einerseits notwendig und richtig, kann aber andererseits zu Verzerrungen führen.

YAEL: Wie bringe ich den Kindern Gott nahe, mit erhobenem Zeigefinger, oder vermittele ich ihnen von klein auf ein Urvertrauen: sie sollen wissen, daß auf ihn Verlaß ist. Aufgabe der Eltern und Erzieher ist es, sie darin zu bestärken. Dieses Gottvertrauen hat nichts mit Zwang und Einengung zu tun. Die Kinder fühlen sich behütet und geborgen, wenn sie wissen, es gibt jemanden, der immer in ihrer Nähe ist, sie werden sich niemals einsam fühlen, auch wenn sie allein sind. Sie trauen sich mehr zu, werden auch Risiken eingehen, aus denen sie wiederum lernen können. Erwachsene sprechen Verbote aus, oft aus Angst, dem Kind könnte etwas passieren. Vielleicht ha-ben sie nur ihr Gottvertrauen verloren. Angst schränkt das Kind ein...

S'KJI: Ein wesentlicher Gedanke ist ja, daß die Menschen keine Angst haben sollen, sie sollen sich nicht fürchten. Angst hat etwas mit Enge zu tun. Das Gegenteil von Enge ist Freiheit. Interessant, daß im Französischen das Wort für "wahr" - vrai! - an das deutsche "frei" anklingt. Freiheit und Wahrheit stehen plötzlich ident im Gegensatz zu Lüge und Enge. Der geängstigte Mensch ist nicht frei und nicht wahrhaftig. Eine jüdische Erziehung muß sich auch im "jüdischen Raum" erst durchsetzen. Wie sieht es damit in der täglichen Kita-Arbeit aus?

YAEL: Die Erzieherinnen kommen aus Israel, Spanien, Deutschland und der größte Teil aus den GUS-Staaten. Einige haben den Weg nach Deutschland über Israel genommen und beherrschen dadurch auch die hebräische Sprache, die in unserem Alltag nicht Voraussetzung, aber doch von Vorteil ist, weil Lieder, Brachot (Segenssprüche) usw. hebräisch gesungen werden. Ihre Ausbildung haben sie in ihrem jeweiligen Herkunftsland genossen. Die Spanne reicht von autoritären Methoden aus Rußland bis zu ideologischen aus Deutschland. Da kommen Ansichten mit hinein, die sich eigentlich mit dem Jüdischen nicht vertragen, z.B. Mädchen sollen sich zu Purim als Jungs und Jungs als Mädchen verkleiden, damit sie das Gefühl des anderen Geschlechts kennenlernen. Dies ist nach der Torah todeswürdig. Über die unterschiedlichen Anschauungen wird immer wieder diskutiert, aber selten kommt es zu einer Klärung, weil doch jeder auf seinen Standpunkt pocht. Allerdings hat man in einem jüdischen Kindergarten die Möglichkeit, auf die Grundsätze der Torah zu verweisen. Die Erzieherinnen kommen aus orthodoxen, konservativen, liberalen oder auch säkularen Familien. Ebenso die Eltern der Kinder. Oftmals bringen erst die Kinder wieder das Judentum ins Haus.

S'KJI: Das Judentum wird gerade auch von Nichtjuden, selbst von Antisemiten, als eine Art Lehrmeister angesehen. Das sind die Gelehrten, von denen man etwas lernen kann, allerdings nicht lernen will. Es besteht ein Konflikt zwischen Wissen und Nichtwissen, und das wird auch von den Antijudaisten so verstanden. Viele Juden sind in den vergangenen Jahren aus Rußland zugewandert, etliche haben den Weg über Israel genommen, auch Sabres sind nach Deutschland gekommen. Wie leben sie hier? Welche Bedeutung hat für sie das Judentum als Denkschule und Lehre? Bleiben Israelis und russische Juden unter sich? Wie stark ist die Neigung z.B. israelischer Frauen, deutsche Männer zu heiraten? Welche Folgen hat dies für die gemeinsamen Kinder? Sind die jüdischen Mütter eine Garantie für jüdische Erziehung, wie es die offizielle Halakhah, ein wenig an der Torah vorbei, ja unterstellt, oder eher so etwas wie ein Gutschein, der erst noch eingelöst werden muß?

YAEL: Tatsächlich sind viele israelische Frauen mit deutschen Männern verheiratet. Nicht immer ist die jüdische Mutter eine Garantie für jüdische Erziehung in dem Sinne, daß die Feiertage und alles Rituelle weitervermittelt werden, aber das jüdische Denken haben sie im Innern und geben sie an ihre Kinder weiter. Im Zweifelsfall werden auch sie auf die Torah zurückgreifen. Die aus Rußland zugewanderten Juden bleiben nach eigenen Aussagen wegen der Sprache gern unter sich. Viele von ihnen haben sich erst hier in Deutschland aufs Jüdische zurückbesonnen. Kolleginnen aus islamischen Gegenden erzählen, daß sie von den Moslems als Juden akzeptiert und respektiert wurden. Zu den Feiertagen hat man sich sogar gegenseitig beglückwünscht.

S'KJI: Welche Rolle spielt dabei die Beziehung der Töchter und Söhne zu ihren Herkunftsfamilien, ihren Vätern und Müttern? Sichert eine orthodoxe Erziehung die pädagogische Weitergabe an die nächste und übernächste Generation? Oder auch das Gegenteil? Was ist "mündliche Überlieferung", nicht nur im Sinne talmudischer Tradition, sondern im Alltag? Die Erziehung geht in der Kindertagesstätte vornehmlich von Frauen aus. Die geschriebene Torah regelt und ordnet und gibt damit Freiheit. Die tägliche Kindergartenpraxis ist mit Israel zu vergleichen, wo der jüdische Anspruch auch erst realisiert werden muß. Doch immerhin hat er hier ein Zuhause.

YAEL: Um modern zu erscheinen, haben vielleicht viele junge Paare ihr Judentum beiseite gelegt. Spätestens, wenn Kinder in die Welt gesetzt werden, überlegen sich die Familien, wie sie ihre Kinder erziehen wollen. Auch hier spielen natürlich die äußeren, gesellschaftlichen Einflüsse eine große Rolle. Den Kindern muß durch die häusliche und institutionelle (Kindergarten, Jugendzentrum) Erziehung eine jüdische Identität gegeben werden, damit sie sich auch in der nichtjüdischen Welt behaupten können. Denn gerade in der Diaspora werden die Juden mit dem Antisemitismus konfrontiert, der sie wiederum zum Judentum zurückführt.

S'KJI: Im Kindergarten gibt es Widersprüche, Streit, latenten Streit, aber letztlich alles unter einem Dach. Es ist ein Thema dieses Heftes. Beim Begräbnis von Ignatz Bubis, der in Israel begraben werden wollte, weil er hier in Deutschland die Schändung seines Grabes fürchtete, haben wir erlebt, daß ein Jude öffentlich das Grab eines Juden schändet. Er spricht über seine Gründe, als würde er Familiengeheimnisse ausplaudern. Aber er tut es letztlich zur Ehre seines, unseres Gottes, der ein Gott der Sprache und der Wahrheit ist. Meir Mendelssohn hat etwas getan, wovon er weiß, daß es schändlich, daß es ein Verbrechen ist. Er hat sich bei den Angehörigen entschuldigt für die Verletzung ihrer Gefühle, steht aber zu seiner Tat. Das muß wohl durchgestanden werden. Offenheit ist auch ein Schutz des Geheimnisses, sagt uns eine alte jüdische Weisheit.

Das Gespräch führte Hob Art

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